Aus Zeit wird Geld

Nein, ich sag das jetzt nicht. Ich sag nicht: Früher war alles besser. Denn das ist genau der Satz, mit dem die Grauhaarigen einer jeden Generation nur allzu gerne vorgeführt werden. Der Satz der beweisen soll, dass die mit vielen Jahren Gesegneten in ihrem Denken stehen geblieben sind und die Gegenwart sie überfordert.

Ich sage deswegen lediglich: Früher war es anders, vieles lief langsamer. Punkt.

Dass es anders war, fiel mir wie Schuppen von den Augen, als ich gestern einen Bericht über eine bayrische Automarke gesehen habe, einen Kinovorfilm von anno dazumal, als meine Eltern noch jung waren. Die langen beschaulichen Filmsequenzen und die ruhige, gemächliche Sprechweise des Moderators, der dem Zuschauer die Einzelheiten der Firmengeschichte erklärte, wirkten friedlich, fast einschläfernd. Das Auge konnte die damals noch wenigen Finessen des Produkts klar erkennen, darauf verweilen und ohne Anstrengung konnte das Ohr die notwendigen Erklärungen aufnehmen ins Gehirn transportieren und ohne Nachgrübeln in der richtigen Schublade ablegen. Schwarz weiß, ohne Schnörksel und ohne Hektik.

Heute sehen Berichte anders aus. Schnelle aufeinanderfolgende Szenenwechsel, schnelle Sprecher, Zoom hin, Zoom weg, krachbunte Teilstücke ohne jemals das Ganze zeigen zu wollen, weil es in seiner Komplexität in der Eile eh nicht erfasst werden soll und wenn es spannend wird trennt ein Werbeblock den Interessierten aus der Geschichte. Schlag auf Schlag werden die Verlockungen zum Konsum eingeblendet, bis man vergessen hat bei welcher Sendung man eigentlich gerade hängen geblieben ist. Es ist keine Zeit mehr, den Blick verweilen zu lassen, keine Zeit mehr sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Zeit ist Geld geworden und jede Minute kostet.

In kurzer Zeit mehr anbieten zu können, bedeutet in kurzer Zeit mehr Geld zu verdienen. Bereits vor 200 Jahren prägte Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA, den Satz: Zeit ist Geld. Diese Erkenntnis hat bis heute vermutlich ihren Höhepunkt erreicht. Kurzlebiger sind die Moden, die Klamotten, die Filme, die Kindheit, die Jugend, die Ehen, die Jobs, die Tage, die Wochen, die politischen Absprachen, die Sommer, die Winter und das ganze Leben an sich. Und diese Feststellung ist nicht nur einem diffusen Gefühl meines Alters geschuldet, nein, der Beweis sind alte Filme und alte Berichte, die ihre Inhalte so zeitverschwenderisch präsentieren, dass es uns heute in Staunen versetzt.

Experimente mit Studenten haben gezeigt, dass die „Zeit-ist-Geld-Einstellung“ dazu führt, den wirtschaftlichen Wert der Zeit immer mehr maximieren zu wollen. Der Vorteil einer Erfahrung, die eigentlich Spaß machen sollte, wird im Gegenzug ignoriert. Das heißt, ein Musikstück, ein Film, ein Spiel machen weniger Spaß, wird man dazu gezwungen, an das Geld zu denken, das man in der selben Zeit hätte verdienen können.

Meine beste Freundin Charlie fragte mich neulich erst, ob ich schon einmal an das viele Geld gedacht hätte, das ich verdienen hätte können, während ich an einem Blogbeitrag schreibe. Nein, ehrlich gesagt noch nicht, aber ich werde das nächste Mal ganz nebenbei darüber nachdenken, wenn ich einen alten Film aus den 50ern sehe, bevor ich aus lauter Entspannung einschlafe.

3 Gedanken zu „Aus Zeit wird Geld

  1. Irgendwo, irgendwann habe ich einen guten Spruch gelesen und leider vergessen von wem er ist. Ich hoffe, dieser jemand verzeiht mir.

    Ich finde ihn so treffend, deswegen hier ohne Quellenangabe:

    Zeit ist nicht Geld.
    Wer kein Geld hat, geht man zu Bank.
    Wer keine Zeit mehr hat, über den steht:
    Ruhe in Frieden.

    Zeit kann man nicht managen, sie läuft dahin, ob wir wollen oder nicht. Jede Sekunde auskosten und genießen ist die einzige Maßnahme.

    1. Ja, wir selbst sind die Manager unserer eigenen Zeit. Vielleicht sollte es richtiger heißen: Mit Zeit wird Geld verdient. Jede Minute ein Ereignis, jede Minute eine Möglichkeit die Dinge vorwärts zu treiben. Keine Langeweile aufkommen lassen, denn der Begriff Langeweile ist längst negativ besetzt.

  2. Ich sag immer: Zeit ist nicht Geld, Zeit ist Leben.
    Es ist der Stoff, aus dem das Leben gemacht ist. Und somit unbezahlbar 🙂
    Steve Jobs hatte massig Geld und konnte sich doch keine Zeit dafür kaufen…

    Wieder mal ein sehr nachdenkenswerter Blogartikel, liebe Christine!

    Die kurzen Sequenzen z.B. in Werbung oder Musikvideos – hörte ich mal – haben einen konkreten Sinn: Das Auge kann sich nie „sattsehen“ es bleibt ein Bedürfnis, mehr davon zu sehen und daraus resultiert eine Art Sucht, ein Unbefriedigtsein. Man will mehr davon, es nochmal sehen…
    Allerdings kann ich sagen, wenn ich ein bis zwei Musikvideos neuesen Datums gesehen habe entsteht bei mir die Sehnsucht nach einem laaaaangen, ruuuuuhigen Bertolucci-Film mit endlosen Bildern vom Himmel über der Wüste 😀

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