Was, wenn die Welt in Ordnung ist?

Ich werde oft gefragt, warum ich so gerne Kaffeetrinken gehe. Nun, die Antwort ist ganz leicht: Ich genieße die Pause, in der die Welt in Ordnung ist!

Jedenfalls für mich in Ordnung ist. Der anheimelnde Kaffeeduft überall um mich herum, entspannte Gesichter an allen Tischen, der erste Schluck aus der dicken Tasse (ich trinke meinen Kaffee übrigens süß und mit Milch) und wenn ich Glück habe, kann ich dabei sogar im Freien sitzen und mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und genau in diesem Augenblick ist die Welt in Ordnung!

In diesen paar Minuten ist mir der Schmutz in den Ecken egal, ich denke nicht an meine Arbeit, es ist mir egal, wer und warum was zu wem gesagt hat, ich habe keine Flüchtlingsprobleme, keine Angst vor Altersarmut, keinen Pflegenotstand, keine Angst vor fremden Religionen, vor einem leeren Konto, vor Vogelgrippe, vor Kernkraftwerken und Erdbeben. Kurzum, ich habe keine „German Angst“.

Die „German Angst“ scheint so typisch für uns Deutsche zu sein, dass sie sogar im Lexikon Erwähnung findet. Wir Deutschen leiden wie kein anderes Volk an uns selbst und an der Welt um uns herum. Diffuse Ängste zerstören uns den Glauben in unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Wir sorgen uns einfach um alles. Wir sorgen uns um unsere Gesundheit, um unsere Fitness und unser Einkommen im Alter, um die Innenpolitik, die Außenpolitik, um die Wirtschaft und unseren Arbeitsplatz. Wir sorgen uns um die Ursprünglichkeit unseres Essens, die Ökologie unserer Kleidung, die Reinheit unserer Atemluft, wir sorgen uns um unsere Kinder, unsere Alten, unsere Haustiere und wir sorgen uns vor allem darum, den Frieden in der Welt nicht sichern zu können, denn wenn der nicht gesichert ist, dann kommen alle Menschen zu uns und wenn sie erst einmal hier sind, sorgen sie sich, genau wie wir selbst, um die gleichen Dinge. Und irgendwann leidet die ganze Welt an der „German Angst“.

Und deswegen also, sitze ich gerne in und vor Kaffeehäusern herum, weil mir dort niemand den Eindruck vermittelt, die Welt wäre in Unordnung und man müsste sich ständig um seine Gegenwart und um seine Zukunft sorgen. Aus aller Herren Länder kommen die Menschen hierher, sie sprechen verschiedene Sprachen und sie haben unterschiedliche Hautfarben. Manche sind religiös, andere schwören auf den Humanismus, einige trinken ihren Kaffee schwarz und andere lieber mit Milch, mit Zucker oder mit Milch und Zucker, manche sprechen laut und andere leise, deutsch oder englisch, französisch, arabisch oder deutsch ohne Grammatik. Und wenn ich in der Sonne die Augen schließe hört es sich an, als flöge ein riesiger schnatternder Gänseschwarm über mich hinweg. Dann wünsche ich mir viel mehr Kaffeehäuser und viel mehr öffentlichen Raum, um Gemeinschaft zu fühlen und um die diffusen Ängste abzubauen, die Ängste voreinander und vor allem die selbstvergiftende typische „German Angst“.

Meine beste Freundin Charlie sagt, das Problem wäre, dass man sich an alles gewöhnt. Sie hätte sich sogar schon an ihre Altersflecken gewöhnt, jetzt findet sie die gar nicht mehr so dramatisch wie noch vor einem Jahr. Sie meint, an den dauernden Weltschmerz hätte sie sich auch schon gewöhnt und ihr würde direkt etwas abgehen, wenn das anders wäre. Aber sie stimmt mir zu, dass man sich auch gerne mal eine Auszeit aus der Angst nehmen darf.

7 Gedanken zu „Was, wenn die Welt in Ordnung ist?

  1. Manchmal nehme ich mir auch eine Auszeit und trinke mit Christine im Kaffeehaus eine Tasse Cappuccino. Ich kann das auch ohne ständig zu reden. Einfach genießen.

  2. Finde ich witzig, dass du über die „German Angst“ schreibst, weil ich mir grade ein Buch drüber bestellt habe: „Kriegsspuren: Die deutsche Krankheit German Angst“ von Sabine Bode. Scheint eine Nachwirkung des 2.Weltkrieges zu sein.
    Ein bisschen mehr Optimismus und Leichtigkeit wären wirklich angebracht – es geht uns schon seit Jahrzehnten dauernd gut 🙂
    Irgendwie ist das typisch – diese Atmosphäre, seit meiner Kindheit: Jetzt ist´s zwar noch gut…noch! Aber bald…geht´s abwärts!
    So was Doofes eigentlich. Komm, lass uns Kaffee trinken gehen 😀

    1. Auf das Buch bin ich bei meinen Recherchen auch gestoßen. Wenn du’s gelesen hast, quatschen wir mal im Kaffeehaus darüber. Versprochen?
      😉

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