Was bitteschön heißt Mittagspause?

Da habe ich doch neulich bei einer Nachrichtensendung im linken unteren Drittel des Bildschirms eine wild gestikulierende Dame entdeckt, die meinen Blick magisch anzog. Sie fuchtelte mit ihren Armen, öffnete mal spitz und mal rund ihren Mund und machte mit ihren Fingern komische Zeichen. Sie übersetzte die Nachrichten in eine Gebärdensprache.

Natürlich kam mir sofort der Gedanke, dass Gebärdensprache eigentlich geradezu wie geschaffen wäre, eine Weltsprache zu werden. Denn was heißt den bitteschön: Ich habe Hunger! Doch wohl die linke Hand auf den Magen und der rechte Zeigefinger gestreckt auf die offene Mundhöhle zeigend. Aber bei meiner weiteren Suche nach den Feinheiten der Gebärdensprache wurde ich eines Besseren belehrt.

Ich stieß auf den gehörlosen Professor Christian Rathmann, der Direktor des Instituts für deutsche Gebärdensprache in Hamburg ist. Wahrscheinlich hatte er mal in China nach dem Bahnhof gefragt und die Chinesen haben ihn zur nächsten Imbissstube geführt, weil sie nicht verstanden, was der wild fuchtelnde Professor von ihnen nun eigentlich ganz genau wollte. So erklärt sich dass Herr Professor Rathmann heute weiß, dass auch die Gebärdensprache eine jeweils nationale Sprache ist und sich sogar innerhalb eines Landes in ihrer Dialektik unterscheiden kann. So hat der Schwabe für sein Mittagessen eine andere Geste als der Berliner. Es gibt also nicht nur internationale Unterschiede, sondern sogar ganz regionale.

Und bei näherer Betrachtung ist das auch verständlich, denn Gebärdensprache arbeitet unter anderem auch mit Handzeichen für Buchstaben oder Schriftzeichen. Und da sich Worte eben international unterscheiden, unterscheiden sich zwangsläufig auch die Handzeichen. Und selbst die Grammatik bleibt in der Gebärdensprache international nicht die Selbe. „Ich habe fertig“, wäre also selbst in der Gebärdensprache grammatikalisch falsch gewesen, hätte sich der italienische Fußballtrainer Giovanni Trapattoni seinerzeit nur mit einer Handgeste verständlich gemacht.

Und weil die Gebärdensprache so vielseitig und so wenig international ist, gibt es den Gebärdendolmetscher auch als notwendigen Beruf. Und das nicht nur um eine reibungslose Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen zu ermöglichen, sondern auch, um gehörlose Amerikaner, Chinesen, Deutsche und Schwaben kommunikativ anzuschließen. Der zugehörige Studiengang für den Gebärdendolmetscher dauert fünf Semester und endet mit dem Abschlussgrad „Master of Arts“.

Langweilig wird es den Gebärdendolmetschern wohl nie werden, da sie sehr vielfältig eingesetzt  werden können. Zum Beispiel muss im Bildungsbereich gestikulierend auch auf die Inhalte eingegangen werden. Oder denken wir an Personalgespräche, Betriebsversammlungen, Behördengänge, Gerichtsverhandlungen, Verwaltungsaufgaben, Krankenhäuser, Eheschließungen und wie man liest, werden sogar Gottesdienste in Gebärdensprache übersetzt. Und: Nicht nur in Deutschland besteht ein großer Bedarf an Gebärdendolmetschern für Gehörlose, sondern weltweit braucht es also noch zusätzlich Dolmetscher zum übersetzen der Gebärden aus unterschiedlichen Ländern.

Ich stelle mir also vor, wie ein internationales Treffen Gehörloser aussehen könnte: Auf einer riesigen Leinwand, aufgeteilt in viele Quadrate, gebärden sich in allen Gebärdensprachen die Dolmetscher in ihrer Sprache. Mal synchron, dann wieder wild durcheinander, wie ein riesiges Ballett aus Armen, Händen und Mündern und plötzlich greifen sich alle gleichzeitig auf der riesigen Leinwand mit der linken Hand auf den Magen und deuten mit dem rechten Zeigefinger zum Mund, dann wissen alle: Jetzt ist Mittagspause!

2 Gedanken zu „Was bitteschön heißt Mittagspause?

  1. Das mit dem Kongress Gehörloser ist eine durchaus interessante Idee. Auch gerade das mit der Mittagspause ist sehr witzig.
    Jedoch stellt sich dann auch die Frage, ob es trotz Dialekte und unterschiedlichem Sprachgebrauch dennoch Wörter… oder Zeichen gibt, die einem internationalen Standard entsprechen. So habe ich mich schon immer gefragt, ob das Zeichen für „Gut“, wobei die Finger und der Daumen einen Kreis bilden, nur in manchen Ländern wirklich „Gut“ heißt. Sonst wäre es keinewegs hilfreich, wenn man gerade seinen Mitmenschen Entwarnung geben will und diese es allerdings als „Hilfe“ oder Ähnlichem interpretieren. 🙂

  2. Der Kreis könnte auch noch ganz was anderes bedeuten…
    Ich denke ohne Dolmetscher könnte man da ganz schön in die Bredouille geraten!
    😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.