Vom Loslassen

Das ganze Internet ist derzeit voll von Sinnsprüchen.

Ich brauche nur meinen Facebook Account aufzurufen und schon kommt mir plakativ entgegen, wie ich mein Leben meistern kann und wie das Streben nach Glück funktioniert. Ich soll niemandem nachlaufen, der mich nicht wert ist, heißt es da zum Beispiel.  Innehalten soll ich, wenn mal wieder alles zu viel wird, das Leben leicht nehmen, mich nicht um anderer Leute Meinung kümmern, mein eigenes Leben gestalten, mich meinem Glück aktiv zuwenden und mir dessen dann auch bewusst werden und so weiter und so fort.

Einfach – alles ganz einfach! Man braucht nur auf die Menschen zu hören, die ihre Erfahrungen bereits gemacht haben und die ihre Erkenntnis dann gerne in der Welt herum verteilen.

Was mich beschäftigt soll ich also einfach loslassen wenn es anfängt mich zu belasten. Das war der letzte Spruch, den ich gelesen habe. Loslassen – das klingt so einfach und ist doch ein ganzer Prozess.

Ist nicht unser Selbst die Fülle aller unserer Erfahrungen? Sind wir nicht die Ansammlung aller Impulse von außen? Sind wir nicht die Folge unvorstellbar vieler empathischer Empfindungen? Teil einer sozialen Welt, Teil eines Ganzen? Muss man zum Loslassen sich selbst genug sein?

Was wären wir zum Beispiel, wenn wir nicht an unserer Umwelt teilhaben könnten?

Autisten leiden an einer unheilbaren Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns und sind damit zu sozialen Interaktionen unfähig. Sie haben Probleme Gesagtes richtig zu interpretieren, Mimik und Körpersprache richtig zu deuten oder diese selbst einzusetzen. Dafür verfallen sie oft in stereotype Verhaltensmuster und entwickeln damit nicht selten eine ausgeprägte Inselbegabung. Sie leben in ihrer ganz eigenen Welt. Sie sind sich vermutlich selbst genug und doch brauchen auch sie ihre Rituale und Impulse von denen sie nicht loslassen können, weil dies Teil ihrer Selbst ist.

Loslassen heißt also, egal von was oder von wem, ein Stück seines bisherigen Lebens, ein Stück seiner Selbst, aufzugeben. Es bedeutet sich selbst neu erfinden zu müssen, weil ein Teil von uns kein Teil mehr ist. Loslassen ist damit ein wahrer Prozess der eigenen Veränderung.

Ernst Ferstl, ein österreichischer Lehrer, sagt: „Ohne die Annahme der eigenen Grenzen ist kein Loslassen möglich“. Ja, das ist wohl so. Ein intelligenter Sinnspruch, den es zu verinnerlichen gilt und das obwohl unser Wesen im Kern ein soziales ist. Um glücklich zu sein müssen wir zwar verstehen, dass Menschen zu den „social Animals“  gehören und ihr Glück am ehesten im Rudel oder wenigstens in der Zweisamkeit finden, aber sie trotzdem niemals das Recht haben einander zu besitzen, auch dann nicht, wenn sie aneinander gewachsen sind.

Erfolgreich losgelassen hat wohl Rose von der Au, eine deutsche Lyrikerin, die das mal so erlebt hat: „Ich ließ ihn los, um so die Möglichkeit zu haben ihn zurückzubekommen. Und nun, da er bereit ist zu mir zurückzukommen, will ich ihn gar nicht mehr“!

Ein Gedanke zu „Vom Loslassen

  1. Ein schöner Beitrag. Vieles können wir im Leben loslassen, z. B. negative Empfindungen mit anderen Personen, die uns immer wieder belasten, weil wir sie regelmäßig wieder ins Gedächtnis zurückholen. Lieber nach dem Gedicht von Theodor Fontane „Überlass es der Zeit“ leben. Das muss ins Bewusstsein eingehen und geübt werden. Es gibt auch vieles, was wir nicht einfach loslassen können, wenn wir eine soziale Verantwortung und Kompetenz haben. Keine Unterdrückung, die lange Leine nehmen, und nicht wie so oft nur irgendeiner Institution übergeben.

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