Schreiben wie…

Morgen bin ich zu einer Literaturpreisverleihung eingeladen. Natürlich habe ich mir von der nominierten Preisträgerin sofort einige Leseproben aus ihrem letzten Roman vorgenommen. Man will ja schließlich wissen, was Sache ist.

Sie schreibt nichts über die Warteschlangen an der Supermarktkasse, nichts über die Anstrengungen an einem Blue Monday seinen Alltag zu organisieren, nichts über Männerfilme versus Frauenfilme oder gar über den Daten-Messie im Zeitalter der Foto- und Kommunikationsüberflutung.

Sie schreibt, nein, was soll ich sagen, sie malt betörende Sprachbilder, über die Gefährdungen und die Schönheit eines durch und durch interkulturell geprägten Daseins in Raum und Zeit. In meisterhaft poetischer Prosa entwirft sie merkwürdige Landschaften am Rande des Wirklichen, die immer auch prekäre seelische Befindlichkeiten heutigen Lebens widerspiegeln. Sie ist eine weitgereiste, wohlgebildete und überaus sensible Schriftstellerin, die es schafft, das Leben, die Menschen und ihre Kulturen, in Worten zu beschreiben, die unseren aktiven Wortschatz weit übersteigen oder die in dieser Zusammensetzung, in dieser Aneinanderreihung, in unserem Alltag niemals vorkommen werden. Allenfalls nach dem Genuss von mehreren Flaschen Absinth, wenn sich die Bewusstseinserweiterung endlich Bahn brechen kann und das Wesentliche aus unserer Seele, das ultimative Erkennen des Seins, zu Tage fördert.

Mit dem Schreiben ist es wie mit dem Malen. Einfachen Eindrücken mannigfaltigen Ausdruck zu verleihen ist nur dann möglich, wenn man in der Lage ist, Impressionen überall dort zu sammeln, wo andere völlig Empfindungsfrei davor stehen. Eine abgemähte Wiese ist für den sensiblen Beobachter ein Beispiel für unterdrücktes Leben, das sich trotz Kontrolle und Beschneidung immer wieder Bahn brechen wird, ein Exempel für unsichtbare, weil niedergemähte Träume, durchaus wissend, um die Möglichkeit der Vielfalt, wenn man sie nur zuließe, wogegen der praktische Mensch vor sich, in einer abgemähten Wiese, lediglich genug Platz zum Fußballspielen sieht.

Meine beste Freundin Charlie sagt, Literaturpreise sind die Anerkennung des geistigen Inhalts in einer Welt der finanziellen Interessen an der praktischen Vermarktung der äußeren Erscheinung. Sie meint es wäre dumm, dass man sich meine Flohhupferl immer noch nicht dekorativ ins Regal stellen könnte.

Ich arbeite daran, versprochen!

Ein Gedanke zu „Schreiben wie…

  1. Schön 🙂 sehr gut beschrieben. Ich bin schon gespannt…

    Ja, ich warte auch auf das Flohhupferl für´s Regal…allerdings zunächst mal für meinen Nachttisch zum gemütlichen Lesen!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.