Spaziergang

Die Sonne scheint, es ist ein herrlicher Tag und ich überlege, ob ich sofort mit meiner Arbeit beginnen oder besser, diesem wundervollen Vormittag eine Stunde abluchsen soll, um bei diesem Wetter einen ausgiebigen Spaziergang zu machen, an dessen Ende vielleicht sogar eine Tasse Cappuccino auf der Sonnenterrasse bei McDonalds auf mich wartet.

Es ist noch kühl und ich ziehe meinen weißen Wintermantel an, setze aber wegen der schon hell strahlenden Sonne meine dicke Hornbrille auf, die mit den stark getönten Gläsern, durch die man meine Augen gar nicht mehr sehen kann. Es ist schön so gelassen durch die Gegend zu laufen und das Gesicht in die Sonne zu halten. Es ist wohltuend und viel wärmer als erwartet.

An der großen Kreuzung, kurz vor meiner Tasse Cappuccino, muss ich eine große Straße queren. Ich stehe also an der Ampelanlage und warte auf das grüne Männchen, das mir sagt, wann ich losgehen darf.

Zum ersten Mal fällt mir plötzlich auf, dass eine andersartige hellere Bepflasterung eine ganz bestimmte Strecke markiert, die in gerader Linie über die großen Straßen führt. Die von den üblichen Pflastersteinen abgesetzten helleren Platten haben Noppen und Rillen. Rillen über dem Gehweg, Noppen ein Stück von der Straße entfernt und wieder Rillen vor dem Betreten der Fahrbahn. Zusätzlich macht die Ampel „klack, klack, klack…“, das akustische Zeichen für Blinde, dass die Ampel für sie zum Queren der Straße gerade auf Rot steht. Die Pflastersteine sind also eine zusätzlich spürbare Markierung für Blinde.

Warum ist mir das noch nie aufgefallen? Ich finde es großartig und muss das sofort ausprobieren. Ich versuche das genoppte Pflaster unter meinen Füßen zu erspüren und dann das gerillte, als plötzlich das Klacken ein Ende hat und mein Ampelmännchen auf „Grün“ springt. Hocherhobenen Hauptes marschiere ich los: Noppen, Rillen, Asphalt, Rillen, Noppen, Rillen und erst kurz vor der Hecke der Grünanlage biege ich scharf nach rechts auf das normale Gehwegpflaster des weiterführenden Gehsteigs ab.

Die Autofahrer an der roten Ampel starren mich mit offenen Mund und großen Augen an und erst jetzt wird mir wieder bewusst, dass ich die dicke Sonnenbrille auf meiner Nase trage und vermutlich aussehe, wie eine Blinde, die sich den Weg über die Straße erfühlen muss.

Mutig, mutig, werden sie denken, die Blinde geht ohne Stock und Hund und findet sich trotzdem hervorragend zurecht.
Plötzlich bin ich froh und dankbar, dass ich alle meine Sinne noch gut zusammen habe und dass ich die Verblüfften sehenden Auges erleben durfte.

Neujahr

Kein Datum im Jahr steht so für Veränderung und Neuanfang, wie der 1. Januar.
Wie schön, wenn er ein wenig Raureif über das alte Jahr deckt, wenn weiße Kristalle über den vergangenen Wochen und über den alten Sorgen liegen.
Wie schön, wenn er ein wenig frostig, aber sonnig daherkommt. Sauber und optimistisch fühlt sich das an.
Wie selig, wer alles Traurige und Belastende hinter sich lassen kann und hoffen darf, dass alles besser werden wird.
Wie glücklich, wer die Seele baumeln lassen und hoffnungsvoll voraus schauen darf.
Der erste Januar! Für mich ist er ein Lichtblick in die Zukunft.
Gute Vorsätze begleiten nicht selten diesen ersten Tag im Jahr und eine Vorahnung auf frühlingswarme Tage macht sich breit. Die hellen Stunden werden wieder mehr und die novemberliche Tristesse liegt bereits weit hinten.
Das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten wächst und Zuversicht in eine gute Zukunft unserer Lieben macht sich breit.
Auch wenn das neue Jahr nach wenigen Wochen ein vertrautes und nach mehreren Monaten gar wieder ein altes wird, wünsche ich mir, dass etwas in mir bleibt, das mir die Fröhlichkeit und die Zuversicht dieses ganz besonderen Tages erhält.

Kultur versus Natur

Ein wahrlich heißes Thema!
Ein Interview mit der französischen Professorin Elisabeth Badinter hat mir sehr zu denken gegeben. Frau Badinter ist nämlich der Meinung, dass das einzige was Mann und Frau unterscheidet die Tatsache ist, dass Frauen Kinder bekommen können und Männer nicht.

Demzufolge spricht sie der Frau klar das Recht zu, die Kinder nach der Geburt, der eigenen Karriere wegen, von öffentlicher Hand aufziehen zu lassen. Der Staat als verpflichtende Institution gegenüber seiner künftigen Steuerzahler. Gut, so direkt hat sie das nicht gesagt, aber indirekt läuft es darauf hinaus. Die Französinnen, so sagt sie, hätten seit dem 18. Jahrhundert kaum noch Interesse an ihrer Mutterrolle. Die Amme nach der Geburt, das Internat oder der Hauslehrer im jugendlichen Alter der Kinder, hätten zuerst bei den Adligen und später auch bei den bürgerlichen Frauen das Thema Kinderbetreuung gänzlich abgedeckt.

Die Idee dahinter ist, dass die Frau ihrem Mann sobald als möglich wieder zur Verfügung steht, um für weiteren Nachwuchs zu sorgen. Es ist die Aufgabe eines pronatalistischen Staates die Frauen beim Kinder bekommen zu unterstützen, sagt sie, und Frankreich käme seit dem vergangenen Jahrhundert dieser Aufgabe in großen Bereichen bereits nach.

Und heute will (soll?) die französische Frau nach der Geburt des Kindes sobald wie möglich dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung stehen. Die eigene Karriere gilt als Basis zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, heißt es.

Das althergebrachte Mutterbild wie es in Deutschland und zum Teil auch noch in Italien gepflegt wird, wäre das Erbe einer kulturellen Entwicklung des Dritten Reiches und weder natürlich noch notwendig, sagt Madame Professorin Badinter. Die französische Mutter stillt ihr Baby entweder gar nicht oder allerhöchstens drei Monate, weil langes Stillen die Frau in die Mutterrolle zwingt und sie deswegen nicht ihrer Selbstfindung im Beruf nachgehen kann. Die Mutterliebe ist eine Zweckerfindung, es gibt sie nicht, sagt Madame Badinter. Eine gute Mutter wahrt stets die richtige Distanz zu ihrem Kind.

Nun gut, ich finde, das kann als Meinung so stehen bleiben, aber man darf auch eine ganz andere Meinung zu diesem Thema vertreten.

Der Mensch (in Frankreich?) ist also kulturell dem Säuger und Brutpfleger entwachsen und befreit sich zugunsten der kulturellen Maßgabe, nämlich Identifikation durch Arbeit, von seinem Nachwuchs. Das Staatswesen des Pronatalismus funktioniert wie ein Bienenstaat, in dem es Arbeiterinnen, Brutpflegerinnen und eine Königin gibt, die ihre Eier in geeignete Kammern legt und von einem funktionierendem Staat aufziehen lässt.

Meine Freundin Charlie sagt, sie findet es erstaunlich, wie Menschen kulturell gesteuert werden können. Die Frau als Mutter oder die Frau als Arbeiterin, die familiäre oder die staatliche Versorgung der Kinder, wir Menschen sind Opportunisten, denn diese Eigenschaft ist das Rezept fürs Überleben.

Egal ob eigene Brutpflege oder geordneter Bienenstaat, beides sind natürliche Muster eines gemeinsamen Vorwärtskommens. Der einzige Unterschied liegt darin, dass wir Menschen im Vergleich zu den Tieren die Möglichkeit hätten, uns frei zu entscheiden und so zu leben, wie wir leben wollen.

Das Verrückte wäre aber, sagt Charlie, dass uns eine kulturell gesteuerte Entwicklung den Blick auf das Wesentliche im eigenen Leben vorgibt und wir lernen, egal was es ist, das Vorgegebene gut zu finden.