Mein kompliziertes Leben ohne Facebook

Meine Welt ist so kompliziert geworden. Ich meine die Welt derer, die so ein komplexes System wie die Bundesrepublik Deutschland am Laufen halten müssen. Und darin ganz speziell die, die auch noch versuchen, das System das sie erhalten müssen verstehen zu wollen.

Aber vielleicht gibt es gar nichts zu verstehen. Vielleicht ist das ganze System inzwischen zu einem gut geölten Selbstläufer geworden? Ein Uhrwerk, das einmal aufgezogen, nimmermüde vor sich hin rattert und nicht mehr angehalten werden kann. Jeder tut was er tun muss, ohne zu hinterfragen warum er das tut, weil sowieso alles immer reibungslos ineinander läuft. Alles dreht sich, alles bewegt sich und ständig lauert überall die Veränderung, die letztlich gar keine wirkliche Veränderung ist, sondern nur eine andere Ausgestaltung des Bestehenden.

An manchen Tagen, zum Beispiel heute, wenn ich wieder einmal das Password für meine Facebook App vergessen habe, scheint mir schon das Nichtstun so kompliziert, dass es kaum noch auszuhalten ist. In solchen Augenblicken frage ich mich was passiert eigentlich, wenn ich meinen Müll nicht mehr trennen würde und einfach alles in die Restmülltonne entsorge? Was ist, wenn ich meine leeren Plastikwasserflaschen nicht mehr zum Discounter zurückbringe oder schlimmer noch, wenn ich morgens einfach mal im Bett liegen bleibe? Was passiert eigentlich, wenn ich wochenlang keine Nachrichten mehr hören oder lesen würde, wenn mich die Klimaerwärmung mal kann oder wenn ich den Feinstaub einfach ignoriere? Was passiert, wenn es mir egal ist, woher unsere Energie kommt, wo unsere Krankenkassenbeiträge hin gehen und wie viele Menschen zuwandern oder im Gegenzug wieder abwandern? Wenn ich juristische Texte oder komplizierte Bedienungsanleitungen die ich nicht verstehen kann einfach wegwerfe? Meinen Steuerbescheid falsch ausfülle? Was passiert, wenn ich mein Geld ohne zu sparen einfach ausgebe und auf Altersarmut und Pflegenotstand pfeife?

Vermutlich bin ich systemmüde.

Statt politischer Nachrichten in der FAZ, der WELT oder auf N24 interessiert es mich plötzlich wie sorglos Daniela Katzenberger schon beim Frühstück lächelt oder welcher Fußballer welches Model heiratet und wo die beiden anschließend ihre Flitterwochen verbringen. Ich sehe mir Videos an, in denen sich kleine Hündchen rührend einander die Schnauzen ablecken, schaue kleinen drolligen Katzen beim Spielen zu oder lache über putzige Mäuse die sich gegenseitig aus einem Hamsterrad werfen. Das ist auch alles Leben, nur weniger kompliziert als das meine.
Und plötzlich ist er da, der Gedanke vom Sinn des Lebens. Das ist der Gedanke, der normalerweise erst nach der dritten Flasche Rotwein im Kreis lieber Freunde diskutiert wird, der jetzt aber plötzlich ganz plakativ neue Fragen vor mir entstehen lässt:

Woher komme ich?
Wer bin ich?
Was will ich?
Und wie heißt das verflixte Password für meine Facebook App gleich wieder?

3 Gedanken zu „Mein kompliziertes Leben ohne Facebook

  1. Wir sollten uns bald mal treffen und diese offenen Fragen klären!!
    Allerdings hätte ich dabei lieber ein bis zwei Bier 🙂

  2. Man kann nicht nur in der Vergangenheit leben. Vorbei ist vorbei ! Es ist aber ganz interessant, sich selber ein Bild darüber zu machen, wer sich weiterentwickelt hat und wer immer noch so ist, wie anno dunnemals.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.