Kultur versus Natur

Ein wahrlich heißes Thema!
Ein Interview mit der französischen Professorin Elisabeth Badinter hat mir sehr zu denken gegeben. Frau Badinter ist nämlich der Meinung, dass das einzige was Mann und Frau unterscheidet die Tatsache ist, dass Frauen Kinder bekommen können und Männer nicht.

Demzufolge spricht sie der Frau klar das Recht zu, die Kinder nach der Geburt, der eigenen Karriere wegen, von öffentlicher Hand aufziehen zu lassen. Der Staat als verpflichtende Institution gegenüber seiner künftigen Steuerzahler. Gut, so direkt hat sie das nicht gesagt, aber indirekt läuft es darauf hinaus. Die Französinnen, so sagt sie, hätten seit dem 18. Jahrhundert kaum noch Interesse an ihrer Mutterrolle. Die Amme nach der Geburt, das Internat oder der Hauslehrer im jugendlichen Alter der Kinder, hätten zuerst bei den Adligen und später auch bei den bürgerlichen Frauen das Thema Kinderbetreuung gänzlich abgedeckt.

Die Idee dahinter ist, dass die Frau ihrem Mann sobald als möglich wieder zur Verfügung steht, um für weiteren Nachwuchs zu sorgen. Es ist die Aufgabe eines pronatalistischen Staates die Frauen beim Kinder bekommen zu unterstützen, sagt sie, und Frankreich käme seit dem vergangenen Jahrhundert dieser Aufgabe in großen Bereichen bereits nach.

Und heute will (soll?) die französische Frau nach der Geburt des Kindes sobald wie möglich dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung stehen. Die eigene Karriere gilt als Basis zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, heißt es.

Das althergebrachte Mutterbild wie es in Deutschland und zum Teil auch noch in Italien gepflegt wird, wäre das Erbe einer kulturellen Entwicklung des Dritten Reiches und weder natürlich noch notwendig, sagt Madame Professorin Badinter. Die französische Mutter stillt ihr Baby entweder gar nicht oder allerhöchstens drei Monate, weil langes Stillen die Frau in die Mutterrolle zwingt und sie deswegen nicht ihrer Selbstfindung im Beruf nachgehen kann. Die Mutterliebe ist eine Zweckerfindung, es gibt sie nicht, sagt Madame Badinter. Eine gute Mutter wahrt stets die richtige Distanz zu ihrem Kind.

Nun gut, ich finde, das kann als Meinung so stehen bleiben, aber man darf auch eine ganz andere Meinung zu diesem Thema vertreten.

Der Mensch (in Frankreich?) ist also kulturell dem Säuger und Brutpfleger entwachsen und befreit sich zugunsten der kulturellen Maßgabe, nämlich Identifikation durch Arbeit, von seinem Nachwuchs. Das Staatswesen des Pronatalismus funktioniert wie ein Bienenstaat, in dem es Arbeiterinnen, Brutpflegerinnen und eine Königin gibt, die ihre Eier in geeignete Kammern legt und von einem funktionierendem Staat aufziehen lässt.

Meine Freundin Charlie sagt, sie findet es erstaunlich, wie Menschen kulturell gesteuert werden können. Die Frau als Mutter oder die Frau als Arbeiterin, die familiäre oder die staatliche Versorgung der Kinder, wir Menschen sind Opportunisten, denn diese Eigenschaft ist das Rezept fürs Überleben.

Egal ob eigene Brutpflege oder geordneter Bienenstaat, beides sind natürliche Muster eines gemeinsamen Vorwärtskommens. Der einzige Unterschied liegt darin, dass wir Menschen im Vergleich zu den Tieren die Möglichkeit hätten, uns frei zu entscheiden und so zu leben, wie wir leben wollen.

Das Verrückte wäre aber, sagt Charlie, dass uns eine kulturell gesteuerte Entwicklung den Blick auf das Wesentliche im eigenen Leben vorgibt und wir lernen, egal was es ist, das Vorgegebene gut zu finden.

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