Klassentreffen

Neulich, als ich mich mit meiner besten Freundin Charlie zusammen auf einen Kaffee getroffen habe, kam die Sprache auf ein Klassentreffen.

Ich meinte, es könne doch gar nicht so schwer sein, jetzt im Zeitalter des uneingeschränkten Zugangs zur absoluten Verknüpfung aller Namen und Orte im weltweiten Netz, einzelne Mitschüler aus der eigenen Grundschule wieder zu finden. Je älter ich werde, umso mehr Namen würden mir wieder einfallen, sagte ich ihr. Da könnte ich doch mal suchen, oder nicht? Klar, ist meine Grundschulzeit lange her und die Generation Mädchen von damals hat bei ihrer Hochzeit auch noch pflichtgetreu den Namen des zukünftigen Lebenspartners angenommen, das heißt, dass ich außer ein paar Unverheirateten wohl kaum eine Chance haben werde, die Mädchen wieder zu finden. Aber die Jungs wären doch noch da und vielleicht ließe sich da die eine oder andere Verbindung wieder herstellen. Einen Versuch wäre das wenigstens wert, sagte ich zu Charlie.

Aber Charlie hat meine Idee sofort vom Tisch gewischt. In der Vergangenheit gibt es keine Zukunft, sagte sie lapidar und dann hat sie gemeint, ob ich mich nach einem halben Jahrhundert wirklich mit Menschen treffen wolle, von denen jeder über jeden denkt, der andere wäre aber alt geworden oder würde zumindest sehr viel älter aussehen, als man selber.

Außerdem meinte sie, sie hätte sowas vor ein paar Jahren schon mal mitgemacht und jeder hätte jedem seine Lebensgeschichte erzählen wollen aber niemand war wirklich interessiert dem anderen zuzuhören. Was will man auch mit der Lebensgeschichte von Menschen, die man gar nicht kennt anfangen, fragte sie mich ernsthaft.

Die Aufschneider, die dir erzählen, was ihnen alles geglückt ist und welchen Erfolg sie im Leben hatten, die wollen dich nur neidisch machen, deinen Respekt einfordern, weil sie den brauchen und die anderen, die Loser der Gesellschaft, denen kannst du eh nicht helfen, die jammern nur herum. Und die in der Mitte sind langweilig, da bist du froh, wenn du sie wieder los bist.

Jetzt war Charlie erst richtig in Fahrt und sie erzählte mir noch davon, dass sie an diesem Abend wieder mit sich selbst als kleines Mädchen konfrontiert wurde und erst in den alten Gesichtern gesehen hat, was damals bei den Kindern alles nicht passte. Sie hat gesehen, was sie nicht ändern konnte, weil sie klein war und keinen Einfluss hatte.

Beim Sport haben sie mich nie in die Mannschaft gewählt, sagt sie, ich bin immer übrig geblieben und die Mannschaft, die mich dann nehmen musste, hat sich beim Lehrer beschwert. Wenn ich den Finger gehoben habe, weil ich etwas wusste, hat mich der Lehrer nicht aufgerufen, sondern immer zwei oder drei andere gefragt, die dann Quatsch erzählt haben, damit die ganze Klasse über sie lachen konnte. In den Pausen stand ich alleine herum und später hatten die dümmsten Gören die tollsten Verehrer. Angegeben haben sie und Gruppen gebildet in die ich nur passte, wenn ich mich selbst aufgegeben habe.

Ich sagte, ja Charlie, du hast recht, das will ich mir nicht antun. Mein Leben ist das, was ich selbst daraus gemacht habe. Und dann bestellten wir uns ein Glas Sekt und stießen auf die Zukunft an.

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