Eine Lanze für den Burkini

Zugegeben, es scheint etwas befremdlich, wenn Frauen in Ganzkörperbadekleidung am Strand erscheinen. Aber waren unsere Großmütter und/oder Urgroßmütter nicht auch noch mit Rock und Bluse im Wasser? In Ostseebädern wie Heiligendamm oder Heringsdorf frischten sich die reichen Berlinerinnen noch in den zwanziger Jahren in voller Montur und mit Regenschirm auf. Und bei den Herren sah Badekleidung noch aus wie ein drolliger Strampelanzug für Erwachsene.

Die Kleidung wurde über zwei bis drei Generationen hinweg dann mehr und mehr abgelegt und ab 1960 machte Caterina Valente den Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini zum Kassen- und zum Bademodenschlager und seither gibt es so gut wie keine Geheimnisse mehr rund um den weiblichen Körper. Unsere westliche Gesellschaft hat sich, kulturell bedingt, entblößt und einige Sonnenanbeter bevorzugen gar die völlige Nacktheit am Strand. Was würden unsere Großmütter wohl dazu gesagt haben und würde man heute eine noch Überlebende dieser Generation am Strand zwingen ihre Kleidung abzulegen? Darf man angezogen jetzt überhaupt noch ans Meer oder einen Strandspaziergang machen? Bekleidet unter Halbnackten, geht das?

Nun kann man über die hygienischen Vor- und Nachteile eines Burkinis streiten. Wenn man bedenkt, dass sich Münchner Grundschüler unter der Sammeldusche splitterfasernackt von oben bis unten einseifen müssen, damit sie überhaupt am Schulschwimmen teilhaben dürfen, dann sind der vielleicht ungewaschene Körper im vielleicht ungewaschenen Burkini allerdings nicht Schwimmbadtauglich. Abgesehen davon, dass man selber ja auch nicht im Taucheranzug schwimmen möchte. Aus hygienischen Gründen ist das Tragen einer Vollbekleidung im Schwimmbecken daher eher nicht angebracht, finde ich. Und notwendig ist es auch nicht, weil der Körper im Schwimmbad eher unter Wasser, als über Wasser ist. Frau könnte also hier vielleicht lockerer auf einen Badeanzug umsteigen und ihr Haupthaar könnte sie, genau wie früher, mit einer Badekappe bedecken.

Meine beste Freundin Charlie sagt, an den Strand und ins Meer könnte sie auch im Abendkleid gehen, das ginge nun wirklich niemanden etwas an, aber ins Schwimmbecken würde sie dann doch lieber eine etwas leichtere Bekleidung wählen. Das Tragen einer Badekappe, wie früher vorgeschrieben, fände sie auch gar nicht so schlecht, weil an sehr heißen Tagen, wenn die Schwimmbecken überfüllt sind, sich beim Schwimmen immer wieder einmal längere Haare zwischen die Finger hängen, was sie auch nicht so toll findet.

Wir haben dann noch lange darüber gesprochen, dass jede grundlegende Veränderung Zeit braucht und dass es bereits ein großer Fortschritt ist, wenn eine Frau ihre Burka gegen eine Burkini tauscht, denn damit hätte sie den ersten Schritt in eine freie Welt bereits getan.

2 Gedanken zu „Eine Lanze für den Burkini

  1. Liebe Christine,
    ich stimme dir zu – die Gedanken an die Bademode am Anfang des letzen Jahrhunderts liegen nahe. Und es ist auch ein Schritt in Richtung Freiheit – zumindest können diese Frauen am Schwimmen und Baden im Meer teilnehmen!
    Was ich ablehne, ist die Verhüllung des Gesichtes. Ich will nicht nur die Augenschlitze sondern auch die Mimik meiner Mitmenschen sehen können. Anders ist kein echtes Miteinander möglich, finde ich. Abgesehen davon finde ich es unheimlich. Ich muss da immer an diese Fernsehserie aus den Siebzigern denken, Belfegor. Kannst du dich daran erinnern? Gruselig. Das sind meine Gefühle beim Anblick der vollkommen schwarz Verhüllten.
    Unverschleierte Grüße!

    1. Nein, die Serie kenne ich nicht, aber ohne Mimik ist es schwer, den anderen einzuschätzen, finde ich. Und ja, auch tolerant betrachtet, bleibt der Anblick einer schwarz verhüllten Frau sehr befremdlich. 😉

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