Das Leben ist eine Seifenoper

Heute war ich schon am frühen Nachmittag so müde, dass ich mich auf mein Sofa legen musste und um mich in den Schlaf singen zu lassen, klickte ich das Fernsehen an. Das Programm begann mit der Seifenoper „Rote Rosen“.  Zuerst dachte ich, diese Folge wäre eine Wiederholung, weil hinter dem Folgentitel die Zahl 1977 in Klammern stand. Aber es war keine Wiederholung von 1977, sondern es war die Folge 1977!

Die Handlung: Thomas Diskussionen über die Vermeidung von Plastikmüll gehen Eliane und Theo zunehmend auf die Nerven. In der WG wollen sie deswegen bis auf weiteres auf Kunststoffe verzichten. Jana hat keineZweifel, dass Sebastian die Vorwürfe gegen ihn entkräften kann… Gunter verabschiedet sich von Silvester… Erika schafft es, Ben zur Übernachtung zu überreden…

Und bis man sich endlich in die Geschichte hineingedacht hat, endet sie ganz plötzlich mit einem sogenannten Cliffhanger. Dem offenen Ausgang am Ende jeder Folge, die bis dahin selbstverständlich gerade ihren Höhepunkt erreicht hat. Wie es dann weiter geht, zeigt sich in der nächste Folge am nächsten Tag. Das war schon so bei der „Lindenstraße“ (dideldideldideldidel – duuuum!) und das ist jetzt so bei „Rote Rosen“, bei  „Sturm der Liebe“, bei der „Verbotenen Liebe“ und ganz zu schweigen bei den vielen anderen deutschen und amerikanischen Verwandten solcher Serien.

Und: 1977 Folgen einer Serie müssen ja nun auch täglich gedreht werden! Da geht der Schauspieler dann jeden Morgen mit seiner Brotzeit im Aktenkoffer zum Drehort und abends geht er wieder nach Hause. Und in der Zwischenzeit spielt er arbeiten und verliebt sein und solche Sachen. Ich frage mich: Wer täglich acht Stunden am Tag in eine bestimmte Rolle schlüpft, kann der zum Feierabend überhaupt noch ein anderer sein? Und will er das überhaupt?

Die Zuschauer jedenfalls haben da kein Identitäts-Problem. Es soll ja Leute gegeben haben, die sich lieber von Dr. Klaus Brinkmann aus der „Schwarzwaldklinik“ operieren lassen wollten, als von ihrem Hausarzt, der seine Belegbetten im nahegelegenen Klinikum füllen musste.

J.R. Ewing aus „Dallas“ (wie hieß er doch gleich im richtigen Leben? Ah, ja: Larry Hagman!) zum Beispiel, hat sein Image, des intriganten Bösewichts aus Texas, bis zu seinem Tod begleitet. Und Pamela die Gute, konnte niemals mehr etwas anderes spielen, als die Geschiedene von Bobby Ewing und das obwohl die „Dallas“-Folgen damals nur wöchentlich ausgestrahlt wurden und es insgesamt nur 357 Folgen davon gab. Die Serie lief 13 Jahre lang und ich nehme an, dass Larry Hagman seinerzeit öfter daran gedacht hatte ins Ölgeschäft einzusteigen, als einmal noch in einem richtigen Kino-Film zu spielen.

Also ich kann mir gut vorstellen, dass so ein Schauspieler nach einem täglichen 8-Stunden-Dreh erst gar nicht mehr umdenken braucht, wenn er am nächsten Tag sowieso wieder in seine Rolle schlüpfen muss. Und überzeugend spielen kann man nur, wenn man selber denkt, wie es das Drehbuch vorschreibt. Was einer den ganzen Tag vorgibt zu sein, das ist er am Ende vielleicht wirklich.

Meine Freundin Charlie sagt, bei ihr wäre das ganz ähnlich: Sie spiele den ganzen Tag die fleißige Hausfrau, obwohl sie eigentlich gar keine wäre und sie kümmere sich tagtäglich um alles Notwendige, genau so, wie es ihr das Drehbuch des Lebens vorschreibt. Sie hätte damit jetzt keine Probleme sagt sie, weil sie wisse ja genau, dass sie auch noch andere Rollen übernehmen könnte, wenn man es von ihr verlangen würde. Und jeder Tag, so sagt sie, endet bei ihr mit einem Cliffhanger!

7 Gedanken zu „Das Leben ist eine Seifenoper

  1. Ich finde deinen Artikel klasse! Gefällt mir!
    Stimmt total.

    Wir Hausfrauen sind einfach die genialen Schauspieler! 🙂
    (Oder umgekehrt!)

    Liebe Grüße von Gisa

  2. Ich habe mich lange Zeit gefragt, wer hat so viel freie Zeit um alle diese Serien zu schauen. Nun habe ich vielleicht die Lösung gefunden: man läßt den Fernseher laufen, kein Problem mit dem Verständnis. Jederzeit ist es möglich in eine andere Seifenoper einzusteigen weil sich alle irgendwo ähneln. Das eigene Leben ist auch gar nicht so aufregend, oder? Außerdem kann man nebenbei auch noch etwas anderes erledigen. Nur telefonieren ist nicht so schön, da motzen die Mitseher!

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