Das Allgegenwärtige

Neulich traf ich nach langer Zeit endlich wieder einmal meine beste Freundin Charlie zum Kaffee.

Sie hatte ihr neues Myphone dabei. So ein kleines flaches Ding, ungefähr achtmalvierzehn Zentimeter, mit glänzend verführerischer Oberfläche, mit dem man fotografieren, Termine planen, Notizen machen, wichtige Fragen recherchieren, Freunde-Plattformen besuchen, telefonieren, Zeitung lesen, navigieren, Spiele spielen, chatten und Fotos irgendwohin laden konnte und das sie sich abends sogar mit ins Bett nahm, wegen der Einschlaf-App und der Wecker-App am Morgen.

Unser Treffen fing damit an, dass sie als erstes unsere Kaffees fotografieren wollte, natürlich bevor wir uns einen Schluck davon genehmigten, wegen der originalen unzerstörten Milchschaumhaube und dem Kakaopuder obendrauf. Wie Schachfiguren schob sie die mit gesprenkeltem Milchschaum gedeckelten Kaffeetassen und das Blumensträußchen, sowie die Salz- und Pfefferstreuer in der Mitte des Tisches herum. Bald standen die Tassen vor und bald hinter der Tischdeko. Als endlich das perfekte Bild gespeichert war, begutachteten wir zusammen die kunstvollen Kaffeestilleben. Staunten AH und OH, bis Charlie das multifunktionale Elektronikteil abschließend zur Seite legte. Da lag es dann flach auf dem Tisch, vorübergehend stillgelegt, es lag einfach nur so da, zwischen Charlie und mir und machte einen beleidigten Eindruck. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Charlie und das Ding noch etwas Wichtiges miteinander vorhatten.

Ich schlürfte meinen Kaffee, als sie mich fragte, ob ich was dagegen hätte, wenn sie das beste Bild noch schnell hochladen würde? Das ginge ganz schnell, meinte sie. Nein, sagte ich, ich hätte nichts dagegen. Wie ein Küken nahm sie das Gerät vorsichtig in beide Hände und fing an mit beiden Daumen auf der gläsernen Oberfläche herum zu tappen. Sie müsse nur noch ein paar Hashtags hinzufügen, sagte sie, sonst würde kaum jemand das Bild sehen können, wenn sie es ins Netz stellte. Je mehr Hashtags, umso mehr glückliche Bildbetrachter, sagte sie.

Völlig ausgelaugt, aber mit einem gewissen zufriedenem Lächeln legte sie das Teil erneut auf den Tisch. Aber was soll ich sagen, Charlie blieb fahrig, war fokussiert und abgelenkt. Immer wieder warf sie einen Blick auf das Dings auf dem Tisch, musste sich versichern, dass sie keine wichtigen Nachrichten versäumt hatte, während sie mit mir am Tisch saß und ich sie abzulenken versuchte.

Sie sagte, seit sie das Phone immer mit sich trug, wäre sie viel ruhiger geworden. Es gäbe so viele gute Menschen im Netz, die ständig tief in ihre Psyche schauen könnten und dazu passende Sprüche posten würden, etwa wie: Lass sie dir doch alle den Buckel runterrutschen, sei dir selbst das Wichtigste in deinem Leben! Oder: Mach jeden Tag nur das was dich glücklich macht, die anderen lästern sowieso über dich! Oder: Mach was du willst, wer dich nicht mag, ist selber schuld! Charlie sagt, seit sie diese Sprüche kennt, wäre ihr das Leben viel angenehmer geworden.

Früher, sagt sie, da hätte man halt ständig irgendwas drauflos geplappert, hätte sich viel zu viele Gedanken um alles gemacht. Das müsste man heute gar nicht mehr, weil irgendjemand schon vorher über alles nachgedacht und es sinnvoll auf plakative Tafeln geschrieben hat. Dieses endlose dahin Philosophieren, da könnte man sich heute viel Zeit sparen, sagt sie.

Dann haben wir uns noch ziemlich lange durch die wichtigsten Lebensweisheiten gescrollt, währenddessen immerhin 321 Menschen Charlies Kaffeetassen besonders hübsch fanden.

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