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McCafe

Kinderlärm, Geschirrklappern, hin und wieder ein Hundebellen, Gesprächsfetzen vom Nachbartisch, Stühle rücken, mütterliches Zurechtweisen, schreien, reden, quengeln, plappern, schnattern und das Schönste ist, mich geht das alles gar nichts an.
Ja, ich gebe zu, ich sitze gerne inmitten von Soziallärm, wenn ich mich nicht einmischen, keine Erklärung oder Rechtfertigung ablegen muss, nicht mitreden brauche, sondern einfach nur da sitzen kann, abschalten und zuhören. Wie ein großartiges Bühnenwerk, ein Musical über das Leben, tönt es um mich herum.
An sonnigen Tagen setze ich mich deswegen mit Vorliebe bei McCafe, mit einem Cappuccino in die Sonne, schließe die Augen und tauche ein in das Orchester um mich herum.

„Mama, was ist das?“
„Nimm die Finger aus dem Ketchup!“
„Ich wollte aber lieber so einen großen Becher.“
„Das ist viel zu viel für dich, komm jetz setz dich mal hin und iss endlich.“

Bumms, peng, klirr…
„Bääähäääwaää!“
„Nicht so schlimm, das wird gleich wieder weggemacht, kriegst was Neues.“

„…und dann hab ich ihm gesagt, dass das so nicht geht, ich lasse mich doch nicht auf den Arm nehmen.“
„Und jetzt, wie geht’s jetzt weiter? Ist er dann gegangen?“

„Mama, kann ich das auch essen?“
„Schau mal deine Finger an, wie du jetzt aussiehst.“
„Aber die sind doch nur rot!“

„Vorsicht, nicht reintreten, das klebt sonst überall an den Schuhen.“
„Naja, immerhin hat er mich dann noch einmal angerufen und sich entschuldigt.“

„Laura? Wer ist Laura? Ich dachte Paula hätte da mitgemacht?“
„Ich sagte doch Paula.“
„Nein Papa, ich hab’s auch gehört, du hast Laura gesagt.“
„Dann hab ich mich halt versprochen.“

„Bitte schön, ich muss hier saubermachen.“
Klirr, schepper, schepper.
„Komm, nimm mal deine Sachen mit, wir gehen an einen anderen Tisch.“

„Also ich habe da schon schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich sage, was ich denke.“

Alles zusammen klingt als würden gerade Wildgänse mit lautem Geschnatter über mich hinweg fliegen. Laut, aber im einzelnen auch wieder ganz leise, gemischt interessant und doch so allgemein, dass es für mich völlig bedeutungslos ist.

Und dann weht mir Zigarettenrauch um die Nase, was mir weniger gut gefällt, aber nicht zu verhindern ist, weil der Wind vom Tisch vor mir, geradewegs in meine Richtung weht. Der Vater hat sich eine Zigarette angezündet, vermutlich überlegt er gerade, wie er auf Laura kommt. Aber wer kennt schon alle Schulfreunde seiner Kinder beim Namen.
Ich trinke meinen letzten Schluck Cappuccino, dann stehe ich auf und mach mich zum Gehen fertig.
Ein kleiner Schwenk um den jungen Mann mit dem Wischmop, vorbei am Geschnatter der Nachbartische. Schön war’s wieder!

Albtraum

Ich stehe dicht gedrängt in einem Bus und weiß nicht, wohin er fährt. Es ist zu eng, zu heiß, zu voll und irgendwie ist mir die Lust am Reisen schon jetzt vergangen.

Der Bus bleibt stehen, die Türen öffnen sich und dann sind alle plötzlich verschwunden. Durch die geöffnete Türe sehe ich draußen vor einem Bistro Leute an kleinen Tischen sitzen, sie rufen etwas und winken mir aufgeregt zu, ich solle aussteigen, aber ich weiß nicht, ob das meine Haltestelle ist. Ich bleibe im Bus stehen, die Türen schließen sich wieder, der Bus fährt an, wendet und fährt zurück. Zu dumm, ich hätte doch aussteigen sollen. Jetzt ist es zu spät. Hoffentlich liegt die letzte Haltestelle nicht allzu weit zurück, damit ich das Stück bis hierher noch gut laufen kann.

Zum Glück hält der Bus keine hundert Meter weiter wieder an und ich kann aussteigen.
Ich stehe an der Promenade, die Sonne scheint, es ist hell und warm, rechts von mir sehe ich den Strand und das ruhige blaue Meer. Ich bin viel zu dick angezogen, habe Durst, kann aber wenigstens noch sehen, wohin ich zurück laufen muss.

Ganz plötzlich wird mir bewusst, dass ich eigentlich gar nicht weiß wohin ich muss. Was erwartet mich eigentlich dort? Mir fällt ein, dass ich noch gar kein Hotel gebucht habe, ich weiß nicht einmal in welchem Land ich bin und, oh Schreck, ich finde mein Handy nicht. Ich fange in Gedanken an, wie wild in meinen Taschen herum zu suchen, obwohl ich schon genau weiß, dass die Suche erfolglos bleiben wird. Es hilft nichts, kein Handy ist da! Ich bin alleine, weiß nicht wo ich bin und wohin ich eigentlich muss.

Ich laufe, nein ich schwebe irgendwie zurück an die Stelle an der die Leute vor dem Bistro saßen, aber jetzt will mich plötzlich niemand mehr kennen und sie alle unterhalten sich einfach weiter ohne auf mich zu achten. Ich stehe rum und erkenne keinen einzigen an den Tischen und außerdem spricht niemand meine Sprache.

Ganz in der Nähe, gleich über die Straße, ein großes, teuer aussehendes Hotel direkt am Strand. Ich überlege, ob ich da nicht einfach hineingehen soll und fragen. Und noch während ich überlege stehe ich schon in der großen Marmorlobby und schaue mich um. Aber nach was soll ich fragen? Da drin habe ich sicher kein Zimmer reserviert. Also wenn ich irgendwo reserviert hätte, dann bestimmt in einem kleineren Hotel. Was kostet hier eigentlich die Nacht und wenn ich nichts anderes finde, kann ich mir das überhaupt leisten?

Ich brauche Google. Ich möchte nachsehen, ob es noch andere Hotels in Nähe gibt und was sie kosten. Ich brauche Maps, ich muss sehen, wo ich eigentlich bin und wohin ich gehen muss. Ich muss mich mal zuhause melden, nachfragen wie ich hierhergekommen bin, was ich hier wollte und wie ich wieder zurückkomme. Ich habe kein Telefon, keinen Plan, kein Geld, null Informationen! Nichts! Nothing!

Schweißgebadet, total irritiert wache ich auf und taste nach meinem Smartphone auf dem Tischchen neben meinem Bett. Huch! Alles noch da. Alles in Ordnung. Welch ein Albtraum und welche Erkenntnis.

Sonnenklar TV

Wenn mir der Alltag wieder einmal über den Kopf wächst, die Ferien noch weit sind, wenn der Urlaub so gar nicht kommen möchte und ich an Fernweh zu leiden beginne, dann klicke ich in den Shopping Kanälen die Sendung „Sonnenklar TV“ an.
Tolle Reisen in supersonnige Gegenden werden mir angeboten, traumhafte Kreuzfahrten und Bilderbuchlandschaften, blaue Pools und elegante Hotelzimmer soweit mein Auge reicht. Selbstverständlich alles zum Schnäppchenpreis, versteht sich ja von selbst. Ich kann 200, 500 und sogar 1000 Euronen sparen, wenn ich mich jetzt und sofort entscheide und auf der Stelle über die Hotline buche.

Die vorgestellte Kreuzfahrt in die Karibik, bestehend aus 7 Nächten Vollpension, bis zu 6 Mahlzeiten am Tag, Käpitänscocktail, Unterhaltungsprogramme an Bord, Poolhandtücher und Landgänge, alles faszinierend urlaubsstimmig. Diese wunderbaren Bilder lasse ich gerne auf mich wirken.

Ein gutgelauntes Vorzeigepärchen strahlt den Zuseher an, bevor es sich am überreichen Frühstücksbüffet bedient. Später taucht es aus dem Pool wieder auf und nimmt dann auf den Liegen in der Sonne Platz. Ein karibisch dekorierter Drink wird prompt von der galanten Schiffsbesatzung geliefert und noch während die Wasserperlen auf der Haut in allen Regenbogenfarben schillern, saugt die junge Badenixe schon mal das süße Getränk durch ihren Strohhalm.

Luftige Leinenkleidung beim Landgang in Havanna, schicke Abendkleidung in Cayo Santa Maria und ein dreigängiges Luxusmenue im Varadero Resort. Tagsüber strahlt die Sonne mit den Menschen um die Wette und abends bestrahlen Laternen und Leuchten das gepflegte Ambiente.

Und dann die gleichen Bilder an der Türkischen Riviera. Gutbestücktes Frühstücksbüffet, Pool, Liegen, Drinks, Wasser, Sonne, Dreigängemenue am Abend, luftige Leinenkleider, schicke Bademode und extravagante Abendkleidung. Sonnige Strände und luxuriöse Hotelzimmer.

Weiter geht es nach Malta. Gutbestücktes Frühstücksbüffet, Pool, Liegen, Drinks, Wasser, Sonne, Dreigängemenue am Abend, luftige Leinenkleider, schicke Bademode und extravagante Abendkleidung. Sonnige Strände und luxuriöse Hotelzimmer.
Ägypten: Gutbestücktes Frühstücksbüffet, Pool, Liegen, Drinks, Wasser, Sonne, Dreigängemenue…
Oman, Emirate, Afrika, Südamerika…

Ich relaxe auf meinem Sofa und lasse die Bilder an mir vorüberziehen bis ich irgendwann gesättigt bin. Gesättigt von all der Sonne, den Pools, den vielen Drinks und den übervollen Büffets. Zum Gähnen gelangweilt und heilfroh zu Hause zu sein, kann ich es dann wieder ein paar Tage aushalten.