Anonymus

Früher wurde man entweder überhaupt nicht nach seiner Meinung gefragt oder man konnte sie an einem Stammtisch kund tun, wo man unter Gleichgesinnten rund heraus sagen durfte, was man dachte. Sicher, da ist es auch schon mal heiß hergegangen, aber jemanden nachhaltig beleidigt hat man eher selten, weil man ja am anderen Tag wieder bei ihm einkaufen musste, ihm am Schreibtisch gegenüber saß oder in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit begegnen konnte.

Heute können wir, dem Internet sei Dank, überall, gefragt oder ungefragt, unsere Meinung sagen. Zu jedem Zeitungsartikel, zu jedem x-beliebigen Thema, kann jeder Mann und jede Frau Stellung beziehen. Und plötzlich teilen wir untereinander unsere extremsten Sichtweisen, sofern wir dabei unerkannt bleiben. Mit einem erfundenen Benutzernamen, wie beispielsweise XYDepp525, hat man sozusagen einen Freibrief für seine ungehemmte Meinungsäußerung erworben.

Nun frage ich mich natürlich, warum zeigen Menschen als Anonymus ihre schlimmsten Seiten, nicht aber, wenn sie mit ihrem richtigen Namen im Netz schreiben? Fällt da eine Maske? Geben sie da ihr Inneres preis, das sie ansonsten gerne verstecken, um nicht aufzufallen? Vielleicht ist mein netter Nachbar ein rechter Nationalist oder ein verkorkster Wadlbeißer, der anonym hetzt und beleidigt, um dann solcher Art und Weise erfrischt, nett über den Gartenzaun zu grüßen? Wem kann man denn überhaupt noch trauen?

Fragen über Fragen tun sich da plötzlich auf und die wichtigste Frage ist für mich: Zeigt der Mensch in der Anonymität sein wahres Ich oder tun sich da versteckte Abgründe auf, die er selbst an sich noch nicht kannte? Verstecken wir uns alle hinter einer Maske?

Wir Menschen benötigen zum Überleben soziale Beziehungen, sagen die Experten und deswegen wäre es ziemlich dumm, wenn wir unsere Schattenseiten überall sofort und ungehemmt vor uns her trügen. Wir müssen uns benehmen, wenn wir nicht alleine sein wollen. Wir werden dazu erzogen, uns zu beherrschen, unsere Geisteshaltung und unsere Gefühle entsprechend den gesellschaftlichen Benimmregeln zu äußern. Wir arbeiten an unserem Charakter, weil wir nicht alleine sein wollen.

Doch jeder Mensch hat seine wunden Punkte, sagen die Forscher, und nirgendwo ist es leichter seinen Frust darüber abzulassen, als im Netz, wo wir uns sicher fühlen nicht erkannt zu werden. Es entsteht ein sogenannter Enthemmungseffekt, wenn uns das direkte Feedback fehlt und wir nicht sehen, wen wir da eigentlich beleidigen und uns sicher sind, dass der andere auch nicht weiß, wer ihn beleidigt hat. Anonymität und das Fehlen einer Autorität sind die Hauptursachen für beleidigende, sexistische oder politische Extrem-Meinungen im Netz. Wer sich mit Klarnamen outet, bleibt in der Regel auch mit unbekannten Netzteilnehmern im Diskurs sachlicher und höflicher, sagen die Experten.

Meine beste Freundin Charlie fragt, wieso ich diesen Text im Plural geschrieben habe, sie fühle sich nicht angesprochen sagt sie. „Wir“ beleidigen niemanden, auch nicht anonym. Da hat sie wieder einmal völlig recht, die Gute.

5 Gedanken zu „Anonymus

  1. Ein sehr wichtiges Thema, finde ich!! Gut beschrieben, Christine.
    Ich leide nämlich geradezu körperlich unter den schrecklichen Umgangsformen im Internet.
    Übrigens eine Sache, die auch sehr für den christlichen Glauben spricht: Man ist einer höheren Instanz gegenüber verantwortlich.
    Ob ich ein guter Christ bin zeigt sich erst in dem, wie ich mich verhalte, wenn keiner zuschaut.
    Nur Gott…

      1. Hallo Christine,
        bin schon seit längerem auf der Suche nach Dir.
        Ich hoffe, ich habe die Christine aus der Jugend wieder gefunden…mit der ich viel und leidenschaftlich gerne getanzt habe. S. Oliver, Volker, Oliver B. usw…waren auch dabei.
        ich hoffe, Du bist es und meldest dich.
        LG
        Konrad

        1. Hallo Konrad, nein, diese Christine bin ich nicht. Die Namen sagen mir überhaupt nichts. Bei uns hießen die meisten Wolfgang und Josef. 😉

  2. Ich bin dafür, dass man immer den anderen Menschen respektiert, egal ob man der gleichen Meinung ist oder nicht. Dann muß man auch sich nicht in der Anonymität verstecken. Jedesmal wenn man etwas schreibt oder sagt, sich fragen, ob man selber genau so behandelt werden möchte.

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