Archiv für den Monat: März 2018

Diktat

Ich seh die See und denke: Hätte der Wal die Wahl, wünschte er sich vielleicht noch mehr Meer.

Gut, soweit! Nachfolgendes Diktat ist für Gelangweilte und Viertklässler.

Wer nach Fehlern sucht, kann seine Sucht im Internet dauerhaft befriedigen. Der Lehrer lehrt natürlich in der Schule an der Tafel und der Müllmann leert die Tonnen vor dem Haus. Im Staat wohnen viele Menschen mit Wonne in einer Stadt, statt dauerhaft auf dem Land. Hinter dem Deich liegt ein Teich. Auch weise, weiße alte Männer haben oft ein Fussel in ihrem Fusel. Die Blasse hat die Blase voll und in der Wiese will sie wissen, ob sie dort Wasser lassen kann.

Soll man im Bett beten oder sich ins Beet betten? Weg mit dem Wecker am Morgen, ab morgen wollen wir uns auf den Weg machen. Das Wasser in die Vasen füllen und wenn du etwas hast und er etwas hasst, dann ist das nicht das Gleiche. Ihre Namen nahmen viele Ehefrauen bei der Hochzeit einfach mit. Wer möchte schon gerne gute Beeren entbehren? In der Wohnungsmitte liegt die Überweisung für die Wohnungsmiete.

Der Müller in der Mühle mahlt und der Maler malt auch, doch nur das Mittagsmahl nahmen sie mal gemeinsam ein, auf einem Boot, das viel Platz bot.

Wer zu zweit Laub recht, muss gerecht die Arbeit teilen, sonst rächt sich der Übervorteilte. Allerdings: Der Lerche auf der Lärche ist das egal, sie trällert ihre Lieder, bis sich unsere Lider zum Schlafen schließen.
Denen, die sich dehnen, werden die Sehnen nicht kürzer. Der Rat, aufs Rad zu steigen, fiel bei vielen auf unfruchtbaren Boden.

Mein armer Arm ist vom Tippen ganz warm und meine Seele sehnt sich nach einer Pause mit einer Brause.

Vater-Mutter-Kind

Neulich war ich wieder einmal bei meiner besten Freundin Charlie zu Besuch. Sie hatte zum Geburtstag ihrer Tochter ein paar Gastkinder geladen und war gerade dabei Kakao und Kuchen vorzubereiten. Ob ich ihr helfen wolle, fragte sie mich, weil sie die Kleinen im Wohnzimmer nicht alleine lassen wollte. Gute Idee, fand ich, weil ich schon lange nicht mehr die Gelegenheit hatte mit kleinen Kindern zu spielen. Sie waren gerade dabei sich irgendwie zu organisieren und sich ein Spiel auszudenken.

Ich erinnerte mich, dass wir Mädchen in meiner frühen Kindheit, ich glaube es war im Vorschulalter, in solch kleinen Gruppen gerne „Vater-Mutter-Kind“ gespielt hatten. In der kleinsten Gruppe, nämlich gerade mal zwei Personen, war das am einfachsten, weil wir uns schneller über die Rollenverteilung klar wurden und sogar noch während des Spiels einfach die Rollen wieder tauschen konnten. War ja auch ziemlich unkompliziert so ein sozialer Gendertausch, ohne sich umzuziehen, ohne sonstige Veränderungen und ganz ohne neu geboren werden zu müssen. Jeder konnte mal Vater oder Mutter sein, ganz nach Belieben, das war nur eine Sache der gegenseitigen Absprache. Hätten wir damals schon gewusst, dass auch zwei Mütter erlaubt sind, wäre das sogar noch einfacher gewesen.

Dann brauchte man nur noch eine Puppe und schon konnte es losgehen.

Das wichtigste beim „Vater-Mutter-Kind-Spiel“, und immer an erster Stelle, stand der Wohnungsbau. Sämtliche Tücher, Kissen, Tisch- oder Wolldecken und sonstiges Zeug trugen wir zusammen und bauten entweder unter dem Tisch oder in irgendeiner versteckten Zimmerecke ein Lager. Wobei die Zimmerecke das schwierigere Unterfangen war. Eine Wolldecke über zwei Stuhllehnen gespannt, die das Dach über dem Kopf sein sollte, war die Schwachstelle unserer Baukunst. Die Stühle gaben ständig nach und wir mussten uns ordentlich ins Zeug legen, um diese Lösung zu stabilisieren. Meistens halfen große Bücherstapel auf der Sitzfläche der Stühle. In die fertige Höhle nahmen wir das ganze Zeugs aus den Kinderbetten mit, ein paar Puppenkleider, ein bisschen Puppengeschirr und breiteten alles gemütlich auf dem Boden aus.

Und dann sagten wir so Sätze wie: „Ich soll jetzt gerade zu Hause sein“, „Du sollst dann kommen und fragen ‚wo ist unser Kind?‘ und ich muss dann rausgehen und suchen“, „Dann musst du sagen, ich muss jetzt in die Arbeit gehen.“ Ich erinnere mich, dass ich einmal so ein Vater gewesen war, der in die Arbeit gehen musste. Ich erinnere mich auch, dass ich nicht wusste, was ich außerhalb der Höhle in einer Arbeit machen sollte. So wartete ich einfach draußen bis ich wieder in meine Höhle zurück durfte, ganz wie ein Arbeitsloser der Zuhause nicht zugeben möchte, dass er längst gekündigt wurde. Währenddessen die Mutter in der Höhle die Puppe mehrmals an- und wieder auszog und vor sich hin plauderte: „Jetzt hast du schon wieder alles vollgepieselt“, „Du sollst doch was essen!“ und „Warte nur, bis der Papa kommt!“. Dann packte sie die Puppe in Kissen ein, wo sie schlafen musste. Irgendwann ragte der Kopf der Mutter unter der Decke hervor und sie sagte: „Der Vater sollte jetzt wieder nach Hause kommen“.

Und weil die Decken immer wieder verrutschten und die Höhle ständig durcheinander geriet, war das Spannendste an diesem ganzen „Vater-Mutter-Kind-Spiel“ eigentlich der Höhlenbau. Wir hatten ständig mit unserer Immobilie zu tun. Kissen hierhin, Kissen dorthin, Decke weiter runterziehen, spannen, hoppla rutscht, wieder festmachen, Stuhl kippt, noch mehr Bücher auf die Sitzfläche legen, das soll jetzt die Türe sein und da kann man schlafen. Das ganze Spiel dauerte so in etwa zwei bis drei Stunden und wenn die Höhle endlich fertig war, das heißt, wenn sämtliche bewegliche Inventarien des Haushalts in der Höhle gestapelt waren, mussten die Gastkinder meistens nach Hause. Jedes Mal tönte es dann im Chor: „Ah nein! Wir wollten gerade mit Spielen anfangen!“

Ja, so war das damals und Charlie erzählte mir, dass sie, wenn sie mehrere Kinder in diesem Spiel waren, auch ganz gerne mal den Haushund gespielt hatte, denn da brauchte sie nur faul herumliegen und hin und wieder einen Keks essen.

Was soll ich sagen, die Kinder bei Charlie fingen an KiTa zu spielen. Sie suchten sich viele Stühle zusammen, machten einen Stuhlkreis und dann wollten alle die Erzieherin sein. Und weil es nur eine Erzieherin gab, gab es viele Kinder die nicht mitspielen wollten. Einen Hund gab es nicht, weil der in der KiTa verboten ist.