Salzige Suppe

„Die Suppe ist versalzen.“
„Meine Suppe schmeckt hervorragend:“
„Aber meine ist wirklich versalzen.“
„Es gibt aber auch eine Menge Suppen, die nicht versalzen sind.“
„Aber meine ist es.“
„Meine nicht.“
„Und ich kann meine nicht essen, weil sie versalzen ist.“
„Und ich verstehe nicht, wie du nicht verstehen kannst, dass es so viele Suppen gibt, die nicht versalzen sind.“
„Klar, gibt es die! Ich behaupte ja nicht, dass es keine wohlschmeckenden Suppen gibt, nur meine schmeckt nicht.“
„Ich verstehe nicht, wie man wegen einer Suppe so ein Tamtam machen kann.“
„Ich mache doch kein Tamtam um meine Suppe, ich sage nur, wie es ist.“
„Doch, du machst ein Tamtam. Du redest nur von deiner versalzenen Suppe.“
„Und du redest nur davon, dass es auch andere Suppen gibt. Das hilft mir im Moment überhaupt nicht.“
„Es gibt ja auch genug andere Suppen.“
„Ich werde mich über diese, meine, Suppe beschweren.“
„Bevor du dich beschwerst, denk mal darüber nach, ob der Geschmack vielleicht so sein muss. Vielleicht ist das bei diesem Rezept so.“
„Das ist mir egal, so ein salziges Rezept ist ungenießbar.“
„Das denkst du nur. Der Appetit kommt beim Essen! Versuch es ruhig weiter. “
„Mir ist der Appetit aber vergangen.“
„Also mir nicht, meine Suppe schmeckt!“
„Können wir tauschen?“
„Ne, wieso? Warum soll ich eine salzige Suppe essen, wenn ich sie nicht bestellt habe?“
„Ich dachte, weil du das bessere Verständnis für salzige Suppen hast.“
„Ja stimmt, ich bin da viel toleranter als du, deswegen verstehe ich nicht, warum du ständig darüber meckerst.“
„Ich werde diese Suppe dem Koch jetzt um die Ohren hauen.“
„Denkst du wirklich, dass Gewalt die richtige Lösung ist?“
„Mir egal. Du willst die Suppe nicht und ich will sie auch nicht.“
„Dann lass die Suppe stehen und tu so, als wäre sie in Ordnung oder möchtest du dich lächerlich machen, weil du nichts von Suppen verstehst?“

McCafe

Kinderlärm, Geschirrklappern, hin und wieder ein Hundebellen, Gesprächsfetzen vom Nachbartisch, Stühle rücken, mütterliches Zurechtweisen, schreien, reden, quengeln, plappern, schnattern und das Schönste ist, mich geht das alles gar nichts an.
Ja, ich gebe zu, ich sitze gerne inmitten von Soziallärm, wenn ich mich nicht einmischen, keine Erklärung oder Rechtfertigung ablegen muss, nicht mitreden brauche, sondern einfach nur da sitzen kann, abschalten und zuhören. Wie ein großartiges Bühnenwerk, ein Musical über das Leben, tönt es um mich herum.
An sonnigen Tagen setze ich mich deswegen mit Vorliebe bei McCafe, mit einem Cappuccino in die Sonne, schließe die Augen und tauche ein in das Orchester um mich herum.

„Mama, was ist das?“
„Nimm die Finger aus dem Ketchup!“
„Ich wollte aber lieber so einen großen Becher.“
„Das ist viel zu viel für dich, komm jetz setz dich mal hin und iss endlich.“

Bumms, peng, klirr…
„Bääähäääwaää!“
„Nicht so schlimm, das wird gleich wieder weggemacht, kriegst was Neues.“

„…und dann hab ich ihm gesagt, dass das so nicht geht, ich lasse mich doch nicht auf den Arm nehmen.“
„Und jetzt, wie geht’s jetzt weiter? Ist er dann gegangen?“

„Mama, kann ich das auch essen?“
„Schau mal deine Finger an, wie du jetzt aussiehst.“
„Aber die sind doch nur rot!“

„Vorsicht, nicht reintreten, das klebt sonst überall an den Schuhen.“
„Naja, immerhin hat er mich dann noch einmal angerufen und sich entschuldigt.“

„Laura? Wer ist Laura? Ich dachte Paula hätte da mitgemacht?“
„Ich sagte doch Paula.“
„Nein Papa, ich hab’s auch gehört, du hast Laura gesagt.“
„Dann hab ich mich halt versprochen.“

„Bitte schön, ich muss hier saubermachen.“
Klirr, schepper, schepper.
„Komm, nimm mal deine Sachen mit, wir gehen an einen anderen Tisch.“

„Also ich habe da schon schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich sage, was ich denke.“

Alles zusammen klingt als würden gerade Wildgänse mit lautem Geschnatter über mich hinweg fliegen. Laut, aber im einzelnen auch wieder ganz leise, gemischt interessant und doch so allgemein, dass es für mich völlig bedeutungslos ist.

Und dann weht mir Zigarettenrauch um die Nase, was mir weniger gut gefällt, aber nicht zu verhindern ist, weil der Wind vom Tisch vor mir, geradewegs in meine Richtung weht. Der Vater hat sich eine Zigarette angezündet, vermutlich überlegt er gerade, wie er auf Laura kommt. Aber wer kennt schon alle Schulfreunde seiner Kinder beim Namen.
Ich trinke meinen letzten Schluck Cappuccino, dann stehe ich auf und mach mich zum Gehen fertig.
Ein kleiner Schwenk um den jungen Mann mit dem Wischmop, vorbei am Geschnatter der Nachbartische. Schön war’s wieder!

Albtraum

Ich kenne diesen Mann, weiß nur im Augenblick nicht genau, wer er ist. Dicht gedrängt steht er neben mir in einem Bus und wir wissen beide, dass der Augenblick ungünstig ist. Aber nachher im Hotelzimmer werde ich keine Lust mehr haben, weil mich das breite Hotelbett wieder total abturnt. Es steht mitten im Zimmer und fordert plump dazu auf, es jetzt und zwar gleich zu benützen. Das mag ich überhaupt nicht. Eigentlich habe ich jetzt schon keine Lust mehr, wenn ich nur an das Bett denke.
Der Bus bleibt stehen, die Türen öffnen sich und dann ist der Mann plötzlich verschwunden. Durch die geöffnete Türe sehe ich draußen vor einem Bistro Leute an kleinen Tischen sitzen, sie rufen etwas und winken mir aufgeregt zu, ich solle aussteigen, aber ich weiß nicht, ob das meine Haltestelle ist. Ich bleibe im Bus stehen, die Türen schließen sich wieder, der Bus fährt an, wendet und fährt zurück. Zu dumm, ich hätte doch aussteigen sollen. Jetzt ist es zu spät. Hoffentlich liegt die letzte Haltestelle nicht allzu weit zurück, damit ich das Stück bis hierher noch gut laufen kann.
Zum Glück hält der Bus keine hundert Meter weiter wieder an und ich kann aussteigen.
Ich stehe an der Promenade, die Sonne scheint, es ist hell und warm, rechts von mir sehe ich den Strand und das ruhige blaue Meer. Ich bin viel zu dick angezogen, habe Durst, kann aber wenigstens noch sehen, wohin ich zurück laufen muss.
Ganz plötzlich wird mir bewusst, dass ich eigentlich gar nicht weiß wohin ich muss. Was erwartet mich eigentlich dort? Mir fällt ein, dass ich noch gar kein Hotel gebucht habe, ich weiß nicht einmal in welchem Land ich bin und, oh Schreck, ich finde mein Handy nicht. Ich fange in Gedanken an, wie wild in meinen Taschen herum zu suchen, obwohl ich schon genau weiß, dass die Suche erfolglos bleiben wird. Es hilft nichts, kein Handy ist da! Ich bin alleine, weiß nicht wo ich bin und wohin ich eigentlich muss.
Ich laufe, nein ich schwebe irgendwie zurück an die Stelle an der die Leute vor dem Bistro saßen, aber jetzt will mich plötzlich niemand mehr kennen und sie alle unterhalten sich einfach weiter ohne auf mich zu achten. Ich stehe rum und erkenne keinen einzigen an den Tischen und außerdem spricht niemand meine Sprache.
Ganz in der Nähe, gleich über die Straße, ein großes, teuer aussehendes Hotel direkt am Strand. Ich überlege, ob ich da nicht einfach hineingehen soll und fragen. Und noch während ich überlege stehe ich schon in der großen Marmorlobby und schaue mich um. Aber nach was soll ich fragen? Da drin habe ich sicher kein Zimmer reserviert. Also wenn ich irgendwo reserviert hätte, dann bestimmt in einem kleineren Hotel. Was kostet hier eigentlich die Nacht und wenn ich nichts anderes finde, kann ich mir das überhaupt leisten?
Ich brauche Google. Ich möchte nachsehen, ob es noch andere Hotels in Nähe gibt und was sie kosten. Ich brauche Maps, ich muss sehen, wo ich eigentlich bin und wohin ich gehen muss. Ich muss mich mal zuhause melden, nachfragen wie ich hierhergekommen bin, was ich hier wollte und wie ich wieder zurückkomme. Ich habe kein Telefon, keinen Plan, kein Geld, null Informationen! Nichts! Nothing!
Schweißgebadet, total irritiert wache ich auf und taste nach meinem Smartphone auf dem Tischchen neben meinem Bett. Huch! Alles noch da. Alles in Ordnung.
Welch ein Albtraum und welche Erkenntnis.

Sonnenklar TV

Wenn mir der Alltag wieder einmal über den Kopf wächst, die Ferien noch weit sind, wenn der Urlaub so gar nicht kommen möchte und ich an Fernweh zu leiden beginne, dann klicke ich in den Shopping Kanälen die Sendung „Sonnenklar TV“ an.
Tolle Reisen in supersonnige Gegenden werden mir angeboten, traumhafte Kreuzfahrten und Bilderbuchlandschaften, blaue Pools und elegante Hotelzimmer soweit mein Auge reicht. Selbstverständlich alles zum Schnäppchenpreis, versteht sich ja von selbst. Ich kann 200, 500 und sogar 1000 Euronen sparen, wenn ich mich jetzt und sofort entscheide und auf der Stelle über die Hotline buche.

Die vorgestellte Kreuzfahrt in die Karibik, bestehend aus 7 Nächten Vollpension, bis zu 6 Mahlzeiten am Tag, Käpitänscocktail, Unterhaltungsprogramme an Bord, Poolhandtücher und Landgänge, alles faszinierend urlaubsstimmig. Diese wunderbaren Bilder lasse ich gerne auf mich wirken.

Ein gutgelauntes Vorzeigepärchen strahlt den Zuseher an, bevor es sich am überreichen Frühstücksbüffet bedient. Später taucht es aus dem Pool wieder auf und nimmt dann auf den Liegen in der Sonne Platz. Ein karibisch dekorierter Drink wird prompt von der galanten Schiffsbesatzung geliefert und noch während die Wasserperlen auf der Haut in allen Regenbogenfarben schillern, saugt die junge Badenixe schon mal das süße Getränk durch ihren Strohhalm.

Luftige Leinenkleidung beim Landgang in Havanna, schicke Abendkleidung in Cayo Santa Maria und ein dreigängiges Luxusmenue im Varadero Resort. Tagsüber strahlt die Sonne mit den Menschen um die Wette und abends bestrahlen Laternen und Leuchten das gepflegte Ambiente.

Und dann die gleichen Bilder an der Türkischen Riviera. Gutbestücktes Frühstücksbüffet, Pool, Liegen, Drinks, Wasser, Sonne, Dreigängemenue am Abend, luftige Leinenkleider, schicke Bademode und extravagante Abendkleidung. Sonnige Strände und luxuriöse Hotelzimmer.

Weiter geht es nach Malta. Gutbestücktes Frühstücksbüffet, Pool, Liegen, Drinks, Wasser, Sonne, Dreigängemenue am Abend, luftige Leinenkleider, schicke Bademode und extravagante Abendkleidung. Sonnige Strände und luxuriöse Hotelzimmer.
Ägypten: Gutbestücktes Frühstücksbüffet, Pool, Liegen, Drinks, Wasser, Sonne, Dreigängemenue…
Oman, Emirate, Afrika, Südamerika…

Ich relaxe auf meinem Sofa und lasse die Bilder an mir vorüberziehen bis ich irgendwann gesättigt bin. Gesättigt von all der Sonne, den Pools, den vielen Drinks und den übervollen Büffets. Zum Gähnen gelangweilt und heilfroh zu Hause zu sein, kann ich es dann wieder ein paar Tage aushalten.

Spaziergang

Die Sonne scheint, es ist ein herrlicher Tag und ich überlege, ob ich sofort mit meiner Arbeit beginnen oder besser, diesem wundervollen Vormittag eine Stunde abluchsen soll, um bei diesem Wetter einen ausgiebigen Spaziergang zu machen, an dessen Ende vielleicht sogar eine Tasse Cappuccino auf der Sonnenterrasse bei McDonalds auf mich wartet.

Es ist noch kühl und ich ziehe meinen weißen Wintermantel an, setze aber wegen der schon hell strahlenden Sonne meine dicke Hornbrille auf, die mit den stark getönten Gläsern, durch die man meine Augen gar nicht mehr sehen kann. Es ist schön so gelassen durch die Gegend zu laufen und das Gesicht in die Sonne zu halten. Es ist wohltuend und viel wärmer als erwartet.

An der großen Kreuzung, kurz vor meiner Tasse Cappuccino, muss ich eine große Straße queren. Ich stehe also an der Ampelanlage und warte auf das grüne Männchen, das mir sagt, wann ich losgehen darf.

Zum ersten Mal fällt mir plötzlich auf, dass eine andersartige hellere Bepflasterung eine ganz bestimmte Strecke markiert, die in gerader Linie über die großen Straßen führt. Die von den üblichen Pflastersteinen abgesetzten helleren Platten haben Noppen und Rillen. Rillen über dem Gehweg, Noppen ein Stück von der Straße entfernt und wieder Rillen vor dem Betreten der Fahrbahn. Zusätzlich macht die Ampel „klack, klack, klack…“, das akustische Zeichen für Blinde, dass die Ampel für sie zum Queren der Straße gerade auf Rot steht. Die Pflastersteine sind also eine zusätzlich spürbare Markierung für Blinde.

Warum ist mir das noch nie aufgefallen? Ich finde es großartig und muss das sofort ausprobieren. Ich versuche das genoppte Pflaster unter meinen Füßen zu erspüren und dann das gerillte, als plötzlich das Klacken ein Ende hat und mein Ampelmännchen auf „Grün“ springt. Hocherhobenen Hauptes marschiere ich los: Noppen, Rillen, Asphalt, Rillen, Noppen, Rillen und erst kurz vor der Hecke der Grünanlage biege ich scharf nach rechts auf das normale Gehwegpflaster des weiterführenden Gehsteigs ab.

Die Autofahrer an der roten Ampel starren mich mit offenen Mund und großen Augen an und erst jetzt wird mir wieder bewusst, dass ich die dicke Sonnenbrille auf meiner Nase trage und vermutlich aussehe, wie eine Blinde, die sich den Weg über die Straße erfühlen muss.

Mutig, mutig, werden sie denken, die Blinde geht ohne Stock und Hund und findet sich trotzdem hervorragend zurecht.
Plötzlich bin ich froh und dankbar, dass ich alle meine Sinne noch gut zusammen habe und dass ich die Verblüfften sehenden Auges erleben durfte.

Neujahr

Kein Datum im Jahr steht so für Veränderung und Neuanfang, wie der 1. Januar.
Wie schön, wenn er ein wenig Raureif über das alte Jahr deckt, wenn weiße Kristalle über den vergangenen Wochen und über den alten Sorgen liegen.
Wie schön, wenn er ein wenig frostig, aber sonnig daherkommt. Sauber und optimistisch fühlt sich das an.
Wie selig, wer alles Traurige und Belastende hinter sich lassen kann und hoffen darf, dass alles besser werden wird.
Wie glücklich, wer die Seele baumeln lassen und hoffnungsvoll voraus schauen darf.
Der erste Januar! Für mich ist er ein Lichtblick in die Zukunft.
Gute Vorsätze begleiten nicht selten diesen ersten Tag im Jahr und eine Vorahnung auf frühlingswarme Tage macht sich breit. Die hellen Stunden werden wieder mehr und die novemberliche Tristesse liegt bereits weit hinten.
Das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten wächst und Zuversicht in eine gute Zukunft unserer Lieben macht sich breit.
Auch wenn das neue Jahr nach wenigen Wochen ein vertrautes und nach mehreren Monaten gar wieder ein altes wird, wünsche ich mir, dass etwas in mir bleibt, das mir die Fröhlichkeit und die Zuversicht dieses ganz besonderen Tages erhält.

Kultur versus Natur

Ein wahrlich heißes Thema!
Ein Interview mit der französischen Professorin Elisabeth Badinter hat mir sehr zu denken gegeben. Frau Badinter ist nämlich der Meinung, dass das einzige was Mann und Frau unterscheidet die Tatsache ist, dass Frauen Kinder bekommen können und Männer nicht.

Demzufolge spricht sie der Frau klar das Recht zu, die Kinder nach der Geburt, der eigenen Karriere wegen, von öffentlicher Hand aufziehen zu lassen. Der Staat als verpflichtende Institution gegenüber seiner künftigen Steuerzahler. Gut, so direkt hat sie das nicht gesagt, aber indirekt läuft es darauf hinaus. Die Französinnen, so sagt sie, hätten seit dem 18. Jahrhundert kaum noch Interesse an ihrer Mutterrolle. Die Amme nach der Geburt, das Internat oder der Hauslehrer im jugendlichen Alter der Kinder, hätten zuerst bei den Adligen und später auch bei den bürgerlichen Frauen das Thema Kinderbetreuung gänzlich abgedeckt.

Die Idee dahinter ist, dass die Frau ihrem Mann sobald als möglich wieder zur Verfügung steht, um für weiteren Nachwuchs zu sorgen. Es ist die Aufgabe eines pronatalistischen Staates die Frauen beim Kinder bekommen zu unterstützen, sagt sie, und Frankreich käme seit dem vergangenen Jahrhundert dieser Aufgabe in großen Bereichen bereits nach.

Und heute will (soll?) die französische Frau nach der Geburt des Kindes sobald wie möglich dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung stehen. Die eigene Karriere gilt als Basis zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, heißt es.

Das althergebrachte Mutterbild wie es in Deutschland und zum Teil auch noch in Italien gepflegt wird, wäre das Erbe einer kulturellen Entwicklung des Dritten Reiches und weder natürlich noch notwendig, sagt Madame Professorin Badinter. Die französische Mutter stillt ihr Baby entweder gar nicht oder allerhöchstens drei Monate, weil langes Stillen die Frau in die Mutterrolle zwingt und sie deswegen nicht ihrer Selbstfindung im Beruf nachgehen kann. Die Mutterliebe ist eine Zweckerfindung, es gibt sie nicht, sagt Madame Badinter. Eine gute Mutter wahrt stets die richtige Distanz zu ihrem Kind.

Nun gut, ich finde, das kann als Meinung so stehen bleiben, aber man darf auch eine ganz andere Meinung zu diesem Thema vertreten.

Der Mensch (in Frankreich?) ist also kulturell dem Säuger und Brutpfleger entwachsen und befreit sich zugunsten der kulturellen Maßgabe, nämlich Identifikation durch Arbeit, von seinem Nachwuchs. Das Staatswesen des Pronatalismus funktioniert wie ein Bienenstaat, in dem es Arbeiterinnen, Brutpflegerinnen und eine Königin gibt, die ihre Eier in geeignete Kammern legt und von einem funktionierendem Staat aufziehen lässt.

Meine Freundin Charlie sagt, sie findet es erstaunlich, wie Menschen kulturell gesteuert werden können. Die Frau als Mutter oder die Frau als Arbeiterin, die familiäre oder die staatliche Versorgung der Kinder, wir Menschen sind Opportunisten, denn diese Eigenschaft ist das Rezept fürs Überleben.

Egal ob eigene Brutpflege oder geordneter Bienenstaat, beides sind natürliche Muster eines gemeinsamen Vorwärtskommens. Der einzige Unterschied liegt darin, dass wir Menschen im Vergleich zu den Tieren die Möglichkeit hätten, uns frei zu entscheiden und so zu leben, wie wir leben wollen.

Das Verrückte wäre aber, sagt Charlie, dass uns eine kulturell gesteuerte Entwicklung den Blick auf das Wesentliche im eigenen Leben vorgibt und wir lernen, egal was es ist, das Vorgegebene gut zu finden.

Die Kissen-Mania

Ich weiß nicht, ob das außer mir noch jemandem aufgefallen ist? Die Kissen-Mania greift um sich!

Es ist egal, ob es sich um Bänke, Sessel, Sofas, Betten oder Teppiche auf dem Boden handelt, überall sind Kissen in allen Größen und Formen drapiert. Ich habe das gesehen, weil ich ein begeisterter Möbelhausspaziergänger bin und in puncto modetrendiger Inneneinrichtung mir so schnell nichts entgeht.

Waren das bis vor Kurzem noch die möglichst spartanischen, durch Weglassen ins rechte Licht gerückten minimalistischen Einzelstücke, so sind es jetzt die Kissen, die ins Auge stechen. Im großen Doppelbett ist kein Platz mehr für Plüschtiere oder für das Nachmittagsschläfchen der Hauskatze, weil tagsüber fünf oder sechs Reihen bunte Kissen vom Kopfteil bis über die Mitte hinaus das herausgeputzte Schlaflager zieren. Bauch an Bauch stehen sie da im Bett, ordentlich nach Farben und Formen sortiert, genauestens ausgerichtet und sollen mir das Gefühl vermitteln, hier möchtest du gerne schlafen, hier kannst du dich zu Hause fühlen. Komm zu uns, hier ist es kuschlig!

Aber wie ins Bett gehen, wenn rechteckige, kurze, lange, bunte und einfarbige, bestickte und bedruckte, aus Leinen, Baumwolle und Fellersatz gestaltete Polster den Zugang dahinein verwehren? Soll man durchschwimmen, um ans obere Ende des Bettes zu gelangen? Durchtauchen? Sich obendrauf legen?

Am besten ist es vermutlich mit einer riesigen Armschwenkbewegung das ganze Kissenzeugs erst einmal aus dem Bett zu streifen, um an den üblichen kleinen Kopfpolster zu gelangen, der für gewöhnlich über Nacht unser Haupt ruhen lässt.

Ich gebe zu, der Anblick eines mit Kissen gefüllten Bettes oder Sofas ist nett. Es sieht wirklich bequem und heimelig aus, aber ob solcher Art verzierte Wohnmöbel auch im Alltag gebrauchstauglich sind, das weiß ich nicht. Ist wohl doch eher nur Möbelhaus Behaglichkeit.

Meine beste Freundin Charlie sagt, sie hätte neulich erst Kissen der Sorte Maharam, Repeat Classic Houndstooth in lemmon, Cocoa, Moss und Pink erstanden, passend zu ihrem altenglischen Einrichtungsstil. Viel mehr als tausend Euro hätte sie dafür ausgegeben, sagt sie, aber das Geld wäre es wert, denn das Sofa sähe jetzt wirklich aufgemotzt und total gemütlich aus. Hinsetzen wäre allerdings nicht mehr möglich, weil die Kissen die Sitzfläche fast gänzlich einnehmen. Sie sagt, das wäre aber egal, weil jetzt muss auch der Hund auf dem Teppich bleiben.

Übers Geld…

…spricht man nicht, heißt es in unserem Kulturkreis. Das heißt aber nicht, dass man nicht wenigstens einmal darüber nachdenken dürfte, vor allem deswegen, weil ein weiterer Spruch darauf hinweist, dass Geld die Welt regiere. Was regiert uns also? Und was bedeutet es, wenn man zu viel oder zu wenig davon hat?

Die früheste Form des Handelns war der Tausch. Getauscht wurde alles, was es zu tauschen gab. Irgendwer erkannte, dass Vieh, Getreide und Edelmetalle unverderbliche Platzhalter waren, die man für andere Güter, die man erst später tauschen wollte, verwenden konnte. Diesen unverderblichen Gütern kommt die erste Geldfunktion zu. Im Mittelalter löste dann das sogenannte Gewichtsgeld, Münzen aus Edelmetallen, die unverderblichen Güter ab.

Dann einigte sich der Staat auf einen Silberstandard der den Münzen einen festen Nennwert zusicherte. Das sogenannte Kurantgeld war als Zahlungsmittel geboren. Gold und Goldmünzen blieben jedoch vor allem als Handelsmünzen für Auslandsgeschäfte in Umlauf, ihr Wert blieb jedoch schwankend.

Papiergeld war bereits im 10. Jahrhundert in China als immaterielles Geld in Umlauf, da die Münzreserven den stetig steigenden Bedarf an Geld im Land nicht mehr decken konnten. Gegen Ende des 13.Jahrhunderts wollte ein persischer König, wegen seiner von ihm geplünderten Staatskassen, auch auf gedrucktes Papiergeld umsteigen, was ihm aber am Ende das Leben kostete. Man hat ihn einfach ermordet, vermutlich weil niemand für das ungedeckte Papier etwas tauschen konnte.

Das sogenannte Fiatgeld, eine Form von Ersatzscheinen, stammt aus Italien. Dort fing man an vollwertige Münzen und Edelmetalle bei Bankiers zu deponieren, die dafür Zahlungsansprüche, Zettel, Wechsel, Kassenanweisungen ausschrieben und auf Wunsch die Münzen und Edelmetalle wieder frei gaben.

Das erste Papiergeld in Europa wurde dann 1483 in Spanien ausgeteilt, es war ein vorübergehender Ersatz für fehlendes Münzgeld. Es ist zu vermuten, dass der Ausspruch: „Das kommt mir spanisch vor“, den Zweifel am Wert der ausgeteilten Papiere widerspiegelt.

Der Handel mit Papiergeld, ohne Absicherung über das Kurantgeld, sondern über Tulpenzwiebeln, brachte 1637 in Holland eine Tulpenblase zum Platzen. Nicht besser erging es Frankreich, wo 1738 John Law, ein schottischer Nationalökonom und Bankier, anfing nicht nur Edelmetalle, sondern auch Grundstücke mit Ertragsaussichten als Sicherheit zu hinterlegen. Auch diese Spekulationsblase platzte nur 2 Jahre später.

Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Banknote zum anerkannten Zahlungsmittel, weil die Banknoten durch eine Währungsreserve bei der Reichsbank gedeckt waren und jederzeit in Kurantmünzen oder Edelmetalle getauscht werden konnten.

Der immer größer werdende Geldbedarf veranlasste große Volkswirtschaftler über verschiedene Geldtheorien nachzudenken mit dem Erfolg, dass eine Buchgeldschöpfung durch die Zentralbank erlaubt wurde, wenn außer materiellen Sicherheiten auch die funktionierende Volkswirtschaft eines Landes als Sicherheit eingebracht werden kann.

Im 20. Jahrhundert entwickelte sich darüber hinaus der bargeldlose Zahlungsverkehr, der es möglich macht anhand von Geldumbuchungen zu kaufen und zu verkaufen. Diese Art des Geldeigentums ohne Geld in Besitz zu haben, ermöglichte es den Banken einen sogenannten Interbankenhandel zu betreiben, den Handel mit Wertpapieren, Devisen, Sorten, Edelmetallen oder Derivaten die Banken untereinander kaufen und wieder verkaufen. Damit war eine Wertschöpfung, die sich nur aus den gezahlten Preisen errechnet, ohne Sicherheiten als Gegenwert zu garantieren, geboren. Zum Beispiel wurden Schuldverschreibungen ohne Aussicht auf Bedienung, sogenannte schlechte Kredite, gehandelt, was im Jahre 2008 die erste große Investmentbank mit Hauptsitz in New York in die Insolvenz trieb.

Der in Europa gehandelte Euro bezieht seinen Gegenwert unter anderem über die ganz unterschiedlich funktionierenden Volkswirtschaften mehrerer europäischer Staaten, was in der Geschichte des Geldes durchaus als Experiment gelten kann. Um die Stabilität des Euros zu erhalten, müssten alle am Euro beteiligten Länder die selben Stabilitätsauflagen erfüllen und die gleichen wirtschaftlichen Standards nachweisen, was im Moment noch nicht der Fall ist.

Der Kollaps droht aber erst dann, wenn europaweit das Vertrauen in die Banken und in die Staaten erlischt. Wie in Griechenland 2015 geschehen, wo die Menschen anfingen wie wild ihre Konten zu plündern und den Banken und dem Staat quasi über Nacht 43 Mrd. Euro entzogen. Bei einem solchen Szenario beißen nämlich den Letzten buchstäblich die Hunde, egal wie viele Stellen sein Konto zieren, das Papier dahinter ist nicht da, nicht einmal dann, wenn die Banken keine faulen Kredite halten.

Meine beste Freundin Charlie sagt, der heutige Gegenwert unserer Währung ist unser Vertrauen auf die Banken und den Staat und ganz sicher gäbe es noch viel mehr über Geld zu sagen, als diesen Crashkurs hier.

Sie sagt, bei ihr ist Geld schon lange nur noch eine Zahl auf dem Konto. Sie bekäme ihren Lohn längst bargeldlos, alle Abzüge an den Staat seien bereits ordentlich in Zahlen verrechnet und ihre Wohnung würde jeden Monat auch nur mit Zahlen vom Konto bezahlt. Ihr Essen, ihre Kleidung, ihr Urlaub, alles wären nur noch Zahlen im Computer. Sie sagt, sie wäre aber sehr zuversichtlich, denn das könne alles solange gut funktionieren, solange niemand sein ganzes Geld haben möchte und alle mit der Zahlenschieberei einverstanden sind.

Ob hinter den neuen 8, 9 und sogar 10 und 11 stelligen Zahlen, von denen jetzt immer mehr gesprochen wird, auch noch echte Banknoten steckten, das wisse man nicht, sagt Charlie, das käme ihr alles ziemlich spanisch vor.

J.R. Ewing for Präsident

Wenn ich hier Musik einspielen könnte, dann würde ich jetzt gerne die Startmelodie, den Theme Song, aus der Serie Dallas wählen: Dadaaaa, dadaaaa, dadaa-dadadada !

Dallas, die Geschichte der Familie Ewing aus Texas! Wer kennt sie nicht?

OK, den Spätgeborenen hier eine kleine Hilfestellung zur bekanntesten Serie zwischen 1978 und 1991, dem Straßenfeger schlechthin: Die Familie Ewing besitzt das größte unabhängige Öl-Förder-Imperium von ganz Texas und ist deswegen die bekannteste Familie in Dallas und Umgebung. Macht, Geld und Schönheit sind hier zu Hause.

Die Familie Ewing wohnt auf der geräumigen Southfork Ranch, wo man sich morgens das umfangreiche Frühstück von einer mexikanischen Belegschaft auf der Terrasse servieren lässt und abends bei einem Whiskey im Salon sitzt, um sich über das wichtigste des Tages auszutauschen. Der Hauptakteur, J.R.Ewing (Sprich: Tschey Ar Ju_ing), ist ein machtbesessener Intrigant und für seinen Größenwahn ist ihm kein Trick zu schmutzig, um an der Macht zu bleiben oder sie zu vergrößern. Bestechungen und Einflussnahme in die Politik und das trickreiche Ausschalten lästiger Widersacher sind dabei sein liebstes Hobby. Seine Familie soll eine Vorzeigefamilie bleiben. J.R.s Mutter, Miss Ellie genannt, verzweifelt öfter an den dunklen Machenschaften ihres Sohnes, ist aber im Endeffekt auch ganz glücklich darüber, dass ihr Junge die Familie zusammenhält und der Ölreichtum ihre ansonsten fruchtlose Ranch finanziert. J.R.s Ehefrau Linda greift dabei immer häufiger zur Flasche, weil sie sich ungeliebt und in die Rolle der Vorzeigegattin gedrängt fühlt. Die wichtigsten Gegenspieler J.R.s sind sein ehrlicher und gutmütiger Bruder Bobby und der treudoofe Schwager Cliff Barnes. Bobby möchte das Gute mit seiner Macht fördern und Cliff möchte die Macht für sich gewinnen.

Ob J.R. Ewing seine Steuern immer richtig bezahlt hat? Darüber hat man leider nie etwas erfahren, aber es ist davon auszugehen, dass er die besten Steuerberater hatte, die er bekommen konnte und die für ihn immer das Richtige getan haben. Ein Vermögen baut sich schließlich nicht von alleine auf.

Das einzige was J.R. Ewing in seiner Karriere noch gebraucht hätte, wäre der Posten des Gouverneurs von Texas gewesen, damit er sich seine Vorteile zum Gesetz hätte machen können und seine Gegenspieler verhaften lassen könnte. Und weil Reichtum im Land der unbegrenzten Möglichkeiten unbegrenzte Macht verspricht, hätte er sich auch noch zum Präsidenten der USA wählen lassen können.
J.R. Ewing for Präsident!

Meine beste Freundin Charlie sagt, es würde sie mal interessieren, wenn J.R. Ewing als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika dann plötzlich seinen Staatshaushalt verabschieden müsste, wo ihm insgesamt weniger Geld fehlen würde, als sein Privatvermögen als Ganzes ausmachte, ob der dann die fehlende Summe einfach aus seiner eigenen Tasche drauflegen würde oder ob er sagte: Leute, ich kann euch leider nicht helfen, weil mein Privatjet in zehn Minuten abfliegt, Richtung Karibik.

Also ich meine, er könnte die Differenz leicht ausgleichen und die Summe dann als Spende von der Steuer absetzen.