Spaziergang

Die Sonne scheint, es ist ein herrlicher Tag und ich überlege, ob ich sofort mit meiner Arbeit beginnen oder besser, diesem wundervollen Vormittag eine Stunde abluchsen soll, um bei diesem Wetter einen ausgiebigen Spaziergang zu machen, an dessen Ende vielleicht sogar eine Tasse Cappuccino auf der Sonnenterrasse bei McDonalds auf mich wartet.

Es ist noch kühl und ich ziehe meinen weißen Wintermantel an, setze aber wegen der schon hell strahlenden Sonne meine dicke Hornbrille auf, die mit den stark getönten Gläsern, durch die man meine Augen gar nicht mehr sehen kann. Es ist schön so gelassen durch die Gegend zu laufen und das Gesicht in die Sonne zu halten. Es ist wohltuend und viel wärmer als erwartet.

An der großen Kreuzung, kurz vor meiner Tasse Cappuccino, muss ich eine große Straße queren. Ich stehe also an der Ampelanlage und warte auf das grüne Männchen, das mir sagt, wann ich losgehen darf.

Zum ersten Mal fällt mir plötzlich auf, dass eine andersartige hellere Bepflasterung eine ganz bestimmte Strecke markiert, die in gerader Linie über die großen Straßen führt. Die von den üblichen Pflastersteinen abgesetzten helleren Platten haben Noppen und Rillen. Rillen über dem Gehweg, Noppen ein Stück von der Straße entfernt und wieder Rillen vor dem Betreten der Fahrbahn. Zusätzlich macht die Ampel „klack, klack, klack…“, das akustische Zeichen für Blinde, dass die Ampel für sie zum Queren der Straße gerade auf Rot steht. Die Pflastersteine sind also eine zusätzlich spürbare Markierung für Blinde.

Warum ist mir das noch nie aufgefallen? Ich finde es großartig und muss das sofort ausprobieren. Ich versuche das genoppte Pflaster unter meinen Füßen zu erspüren und dann das gerillte, als plötzlich das Klacken ein Ende hat und mein Ampelmännchen auf „Grün“ springt. Hocherhobenen Hauptes marschiere ich los: Noppen, Rillen, Asphalt, Rillen, Noppen, Rillen und erst kurz vor der Hecke der Grünanlage biege ich scharf nach rechts auf das normale Gehwegpflaster des weiterführenden Gehsteigs ab.

Die Autofahrer an der roten Ampel starren mich mit offenen Mund und großen Augen an und erst jetzt wird mir wieder bewusst, dass ich die dicke Sonnenbrille auf meiner Nase trage und vermutlich aussehe, wie eine Blinde, die sich den Weg über die Straße erfühlen muss.

Mutig, mutig, werden sie denken, die Blinde geht ohne Stock und Hund und findet sich trotzdem hervorragend zurecht.
Plötzlich bin ich froh und dankbar, dass ich alle meine Sinne noch gut zusammen habe und dass ich die Verblüfften sehenden Auges erleben durfte.

Neujahr

Kein Datum im Jahr steht so für Veränderung und Neuanfang, wie der 1. Januar.
Wie schön, wenn er ein wenig Raureif über das alte Jahr deckt, wenn weiße Kristalle über den vergangenen Wochen und über den alten Sorgen liegen.
Wie schön, wenn er ein wenig frostig, aber sonnig daherkommt. Sauber und optimistisch fühlt sich das an.
Wie selig, wer alles Traurige und Belastende hinter sich lassen kann und hoffen darf, dass alles besser werden wird.
Wie glücklich, wer die Seele baumeln lassen und hoffnungsvoll voraus schauen darf.
Der erste Januar! Für mich ist er ein Lichtblick in die Zukunft.
Gute Vorsätze begleiten nicht selten diesen ersten Tag im Jahr und eine Vorahnung auf frühlingswarme Tage macht sich breit. Die hellen Stunden werden wieder mehr und die novemberliche Tristesse liegt bereits weit hinten.
Das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten wächst und Zuversicht in eine gute Zukunft unserer Lieben macht sich breit.
Auch wenn das neue Jahr nach wenigen Wochen ein vertrautes und nach mehreren Monaten gar wieder ein altes wird, wünsche ich mir, dass etwas in mir bleibt, das mir die Fröhlichkeit und die Zuversicht dieses ganz besonderen Tages erhält.

Kultur versus Natur

Ein wahrlich heißes Thema!
Ein Interview mit der französischen Professorin Elisabeth Badinter hat mir sehr zu denken gegeben. Frau Badinter ist nämlich der Meinung, dass das einzige was Mann und Frau unterscheidet die Tatsache ist, dass Frauen Kinder bekommen können und Männer nicht.

Demzufolge spricht sie der Frau klar das Recht zu, die Kinder nach der Geburt, der eigenen Karriere wegen, von öffentlicher Hand aufziehen zu lassen. Der Staat als verpflichtende Institution gegenüber seiner künftigen Steuerzahler. Gut, so direkt hat sie das nicht gesagt, aber indirekt läuft es darauf hinaus. Die Französinnen, so sagt sie, hätten seit dem 18. Jahrhundert kaum noch Interesse an ihrer Mutterrolle. Die Amme nach der Geburt, das Internat oder der Hauslehrer im jugendlichen Alter der Kinder, hätten zuerst bei den Adligen und später auch bei den bürgerlichen Frauen das Thema Kinderbetreuung gänzlich abgedeckt.

Die Idee dahinter ist, dass die Frau ihrem Mann sobald als möglich wieder zur Verfügung steht, um für weiteren Nachwuchs zu sorgen. Es ist die Aufgabe eines pronatalistischen Staates die Frauen beim Kinder bekommen zu unterstützen, sagt sie, und Frankreich käme seit dem vergangenen Jahrhundert dieser Aufgabe in großen Bereichen bereits nach.

Und heute will (soll?) die französische Frau nach der Geburt des Kindes sobald wie möglich dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung stehen. Die eigene Karriere gilt als Basis zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, heißt es.

Das althergebrachte Mutterbild wie es in Deutschland und zum Teil auch noch in Italien gepflegt wird, wäre das Erbe einer kulturellen Entwicklung des Dritten Reiches und weder natürlich noch notwendig, sagt Madame Professorin Badinter. Die französische Mutter stillt ihr Baby entweder gar nicht oder allerhöchstens drei Monate, weil langes Stillen die Frau in die Mutterrolle zwingt und sie deswegen nicht ihrer Selbstfindung im Beruf nachgehen kann. Die Mutterliebe ist eine Zweckerfindung, es gibt sie nicht, sagt Madame Badinter. Eine gute Mutter wahrt stets die richtige Distanz zu ihrem Kind.

Nun gut, ich finde, das kann als Meinung so stehen bleiben, aber man darf auch eine ganz andere Meinung zu diesem Thema vertreten.

Der Mensch (in Frankreich?) ist also kulturell dem Säuger und Brutpfleger entwachsen und befreit sich zugunsten der kulturellen Maßgabe, nämlich Identifikation durch Arbeit, von seinem Nachwuchs. Das Staatswesen des Pronatalismus funktioniert wie ein Bienenstaat, in dem es Arbeiterinnen, Brutpflegerinnen und eine Königin gibt, die ihre Eier in geeignete Kammern legt und von einem funktionierendem Staat aufziehen lässt.

Meine Freundin Charlie sagt, sie findet es erstaunlich, wie Menschen kulturell gesteuert werden können. Die Frau als Mutter oder die Frau als Arbeiterin, die familiäre oder die staatliche Versorgung der Kinder, wir Menschen sind Opportunisten, denn diese Eigenschaft ist das Rezept fürs Überleben.

Egal ob eigene Brutpflege oder geordneter Bienenstaat, beides sind natürliche Muster eines gemeinsamen Vorwärtskommens. Der einzige Unterschied liegt darin, dass wir Menschen im Vergleich zu den Tieren die Möglichkeit hätten, uns frei zu entscheiden und so zu leben, wie wir leben wollen.

Das Verrückte wäre aber, sagt Charlie, dass uns eine kulturell gesteuerte Entwicklung den Blick auf das Wesentliche im eigenen Leben vorgibt und wir lernen, egal was es ist, das Vorgegebene gut zu finden.

Die Kissen-Mania

Ich weiß nicht, ob das außer mir noch jemandem aufgefallen ist? Die Kissen-Mania greift um sich!

Es ist egal, ob es sich um Bänke, Sessel, Sofas, Betten oder Teppiche auf dem Boden handelt, überall sind Kissen in allen Größen und Formen drapiert. Ich habe das gesehen, weil ich ein begeisterter Möbelhausspaziergänger bin und in puncto modetrendiger Inneneinrichtung mir so schnell nichts entgeht.

Waren das bis vor Kurzem noch die möglichst spartanischen, durch Weglassen ins rechte Licht gerückten minimalistischen Einzelstücke, so sind es jetzt die Kissen, die ins Auge stechen. Im großen Doppelbett ist kein Platz mehr für Plüschtiere oder für das Nachmittagsschläfchen der Hauskatze, weil tagsüber fünf oder sechs Reihen bunte Kissen vom Kopfteil bis über die Mitte hinaus das herausgeputzte Schlaflager zieren. Bauch an Bauch stehen sie da im Bett, ordentlich nach Farben und Formen sortiert, genauestens ausgerichtet und sollen mir das Gefühl vermitteln, hier möchtest du gerne schlafen, hier kannst du dich zu Hause fühlen. Komm zu uns, hier ist es kuschlig!

Aber wie ins Bett gehen, wenn rechteckige, kurze, lange, bunte und einfarbige, bestickte und bedruckte, aus Leinen, Baumwolle und Fellersatz gestaltete Polster den Zugang dahinein verwehren? Soll man durchschwimmen, um ans obere Ende des Bettes zu gelangen? Durchtauchen? Sich obendrauf legen?

Am besten ist es vermutlich mit einer riesigen Armschwenkbewegung das ganze Kissenzeugs erst einmal aus dem Bett zu streifen, um an den üblichen kleinen Kopfpolster zu gelangen, der für gewöhnlich über Nacht unser Haupt ruhen lässt.

Ich gebe zu, der Anblick eines mit Kissen gefüllten Bettes oder Sofas ist nett. Es sieht wirklich bequem und heimelig aus, aber ob solcher Art verzierte Wohnmöbel auch im Alltag gebrauchstauglich sind, das weiß ich nicht. Ist wohl doch eher nur Möbelhaus Behaglichkeit.

Meine beste Freundin Charlie sagt, sie hätte neulich erst Kissen der Sorte Maharam, Repeat Classic Houndstooth in lemmon, Cocoa, Moss und Pink erstanden, passend zu ihrem altenglischen Einrichtungsstil. Viel mehr als tausend Euro hätte sie dafür ausgegeben, sagt sie, aber das Geld wäre es wert, denn das Sofa sähe jetzt wirklich aufgemotzt und total gemütlich aus. Hinsetzen wäre allerdings nicht mehr möglich, weil die Kissen die Sitzfläche fast gänzlich einnehmen. Sie sagt, das wäre aber egal, weil jetzt muss auch der Hund auf dem Teppich bleiben.

Übers Geld…

…spricht man nicht, heißt es in unserem Kulturkreis. Das heißt aber nicht, dass man nicht wenigstens einmal darüber nachdenken dürfte, vor allem deswegen, weil ein weiterer Spruch darauf hinweist, dass Geld die Welt regiere. Was regiert uns also? Und was bedeutet es, wenn man zu viel oder zu wenig davon hat?

Die früheste Form des Handelns war der Tausch. Getauscht wurde alles, was es zu tauschen gab. Irgendwer erkannte, dass Vieh, Getreide und Edelmetalle unverderbliche Platzhalter waren, die man für andere Güter, die man erst später tauschen wollte, verwenden konnte. Diesen unverderblichen Gütern kommt die erste Geldfunktion zu. Im Mittelalter löste dann das sogenannte Gewichtsgeld, Münzen aus Edelmetallen, die unverderblichen Güter ab.

Dann einigte sich der Staat auf einen Silberstandard der den Münzen einen festen Nennwert zusicherte. Das sogenannte Kurantgeld war als Zahlungsmittel geboren. Gold und Goldmünzen blieben jedoch vor allem als Handelsmünzen für Auslandsgeschäfte in Umlauf, ihr Wert blieb jedoch schwankend.

Papiergeld war bereits im 10. Jahrhundert in China als immaterielles Geld in Umlauf, da die Münzreserven den stetig steigenden Bedarf an Geld im Land nicht mehr decken konnten. Gegen Ende des 13.Jahrhunderts wollte ein persischer König, wegen seiner von ihm geplünderten Staatskassen, auch auf gedrucktes Papiergeld umsteigen, was ihm aber am Ende das Leben kostete. Man hat ihn einfach ermordet, vermutlich weil niemand für das ungedeckte Papier etwas tauschen konnte.

Das sogenannte Fiatgeld, eine Form von Ersatzscheinen, stammt aus Italien. Dort fing man an vollwertige Münzen und Edelmetalle bei Bankiers zu deponieren, die dafür Zahlungsansprüche, Zettel, Wechsel, Kassenanweisungen ausschrieben und auf Wunsch die Münzen und Edelmetalle wieder frei gaben.

Das erste Papiergeld in Europa wurde dann 1483 in Spanien ausgeteilt, es war ein vorübergehender Ersatz für fehlendes Münzgeld.

Der Handel mit Papiergeld, ohne Absicherung über das Kurantgeld, sondern über Tulpenzwiebeln, brachte 1637 in Holland eine Tulpenblase zum Platzen. Nicht besser erging es Frankreich, wo 1738 John Law, ein schottischer Nationalökonom und Bankier, anfing nicht nur Edelmetalle, sondern auch Grundstücke mit Ertragsaussichten als Sicherheit zu hinterlegen. Auch diese Spekulationsblase platzte nur 2 Jahre später.

Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Banknote zum anerkannten Zahlungsmittel, weil die Banknoten durch eine Währungsreserve bei der Reichsbank gedeckt waren und jederzeit in Kurantmünzen oder Edelmetalle getauscht werden konnten.

Der immer größer werdende Geldbedarf veranlasste große Volkswirtschaftler über verschiedene Geldtheorien nachzudenken mit dem Erfolg, dass eine Buchgeldschöpfung durch die Zentralbank erlaubt wurde, wenn außer materiellen Sicherheiten auch die funktionierende Volkswirtschaft eines Landes als Sicherheit eingebracht werden kann.

Im 20. Jahrhundert entwickelte sich darüber hinaus der bargeldlose Zahlungsverkehr, der es möglich macht anhand von Geldumbuchungen zu kaufen und zu verkaufen. Diese Art des Geldeigentums ohne Geld in Besitz zu haben, ermöglichte es den Banken einen sogenannten Interbankenhandel zu betreiben, den Handel mit Wertpapieren, Devisen, Sorten, Edelmetallen oder Derivaten die Banken untereinander kaufen und wieder verkaufen. Eine Wertschöpfung, die sich nur aus den gezahlten Preisen errechnet, ohne Sicherheiten als Gegenwert zu garantieren, war geboren. Zum Beispiel wurden Schuldverschreibungen ohne Aussicht auf Bedienung, sogenannte schlechte Kredite, gehandelt, was im Jahre 2008 die erste große Investmentbank mit Hauptsitz in New York in die Insolvenz trieb.

Der in Europa gehandelte Euro bezieht seinen Gegenwert unter anderem über die ganz unterschiedlich funktionierenden Volkswirtschaften mehrerer europäischer Staaten, was in der Geschichte des Geldes durchaus als Experiment gelten kann. Um die Stabilität des Euros zu erhalten, müssten alle am Euro beteiligten Länder die selben Stabilitätsauflagen erfüllen und die gleichen wirtschaftlichen Standards nachweisen, was im Moment noch nicht der Fall ist.

Der Kollaps droht aber erst dann, wenn europaweit das Vertrauen in die Banken und in die Staaten erlischt. Wie in Griechenland 2015 geschehen, wo die Menschen anfingen wie wild ihre Konten zu plündern und den Banken und dem Staat quasi über Nacht 43 Mrd. Euro entzogen. Bei einem solchen Szenario beißen nämlich den Letzten buchstäblich die Hunde, egal wie viele Stellen sein Konto zieren, das Papier dahinter ist nicht da, nicht einmal dann, wenn die Banken keine faulen Kredite halten.

Meine beste Freundin Charlie sagt, der heutige Gegenwert unserer Währung ist unser Vertrauen auf die Banken und den Staat und ganz sicher gäbe es noch viel mehr über Geld zu sagen, als diesen Crashkurs hier.

Sie sagt, bei ihr sei Geld schon lange nur noch eine Zahl auf dem Konto. Sie bekommt ihren Lohn längst bargeldlos, alle Abzüge an den Staat bereits ordentlich in Zahlen verrechnet und ihre Wohnung wird auch mit Zahlen bezahlt. Ihr Essen, ihre Kleidung, ihr Urlaub, alles sind nur noch Zahlen auf dem Papier. Sie sagt, sie wäre da sehr zuversichtlich, denn das würde solange gut funktionieren, solange niemand genauer nachfragt und alle damit einverstanden sind.

Ob hinter den neuen 8, 9 und sogar 10 und 11 stelligen Zahlen die jetzt immer mehr auf Papier gehandelt werden auch noch echte Banknoten steckten, das wisse sie nicht, sagt Charlie, das käme ihr alles ziemlich spanisch vor.

J.R. Ewing for Präsident

Wenn ich hier Musik einspielen könnte, dann würde ich jetzt gerne die Startmelodie, den Theme Song, aus der Serie Dallas wählen: Dadaaaa, dadaaaa, dadaa-dadadada !

Dallas, die Geschichte der Familie Ewing aus Texas! Wer kennt sie nicht?

OK, den Spätgeborenen hier eine kleine Hilfestellung zur bekanntesten Serie zwischen 1978 und 1991, dem Straßenfeger schlechthin: Die Familie Ewing besitzt das größte unabhängige Öl-Förder-Imperium von ganz Texas und ist deswegen die bekannteste Familie in Dallas und Umgebung. Macht, Geld und Schönheit sind hier zu Hause.

Die Familie Ewing wohnt auf der geräumigen Southfork Ranch, wo man sich morgens das umfangreiche Frühstück von einer mexikanischen Belegschaft auf der Terrasse servieren lässt und abends bei einem Whiskey im Salon sitzt, um sich über das wichtigste des Tages auszutauschen. Der Hauptakteur, J.R.Ewing (Sprich: Tschey Ar Ju_ing), ist ein machtbesessener Intrigant und für seinen Größenwahn ist ihm kein Trick zu schmutzig, um an der Macht zu bleiben oder sie zu vergrößern. Bestechungen und Einflussnahme in die Politik und das trickreiche Ausschalten lästiger Widersacher sind dabei sein liebstes Hobby. Seine Familie soll eine Vorzeigefamilie bleiben. J.R.s Mutter, Miss Ellie genannt, verzweifelt öfter an den dunklen Machenschaften ihres Sohnes, ist aber im Endeffekt auch ganz glücklich darüber, dass ihr Junge die Familie zusammenhält und der Ölreichtum ihre ansonsten fruchtlose Ranch finanziert. J.R.s Ehefrau Linda greift dabei immer häufiger zur Flasche, weil sie sich ungeliebt und in die Rolle der Vorzeigegattin gedrängt fühlt. Die wichtigsten Gegenspieler J.R.s sind sein ehrlicher und gutmütiger Bruder Bobby und der treudoofe Schwager Cliff Barnes. Bobby möchte das Gute mit seiner Macht fördern und Cliff möchte die Macht für sich gewinnen.

Ob J.R. Ewing seine Steuern immer richtig bezahlt hat? Darüber hat man leider nie etwas erfahren, aber es ist davon auszugehen, dass er die besten Steuerberater hatte, die er bekommen konnte und die für ihn immer das Richtige getan haben. Ein Vermögen baut sich schließlich nicht von alleine auf.

Das einzige was J.R. Ewing in seiner Karriere noch gebraucht hätte, wäre der Posten des Gouverneurs von Texas gewesen, damit er sich seine Vorteile zum Gesetz hätte machen können und seine Gegenspieler verhaften lassen könnte. Und weil Reichtum im Land der unbegrenzten Möglichkeiten unbegrenzte Macht verspricht, hätte er sich auch noch zum Präsidenten der USA wählen lassen können.
J.R. Ewing for Präsident!

Meine beste Freundin Charlie sagt, es würde sie mal interessieren, wenn J.R. Ewing als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika dann plötzlich seinen Staatshaushalt verabschieden müsste, wo ihm insgesamt weniger Geld fehlen würde, als sein Privatvermögen als Ganzes ausmachte, ob der dann die fehlende Summe einfach aus seiner eigenen Tasche drauflegen würde oder ob er sagte: Leute, ich kann euch leider nicht helfen, weil mein Privatjet in zehn Minuten abfliegt, Richtung Karibik.

Also ich meine, er könnte die Differenz leicht ausgleichen und die Summe dann als Spende von der Steuer absetzen.

Das Allgegenwärtige

Neulich traf ich nach langer Zeit endlich wieder einmal meine beste Freundin Charlie zum Kaffee.

Sie hatte ihr neues Myphone dabei. So ein kleines flaches Ding, ungefähr achtmalvierzehn Zentimeter, mit glänzend verführerischer Oberfläche, mit dem man fotografieren, Termine planen, Notizen machen, wichtige Fragen recherchieren, Freunde-Plattformen besuchen, telefonieren, Zeitung lesen, navigieren, Spiele spielen, chatten und Fotos irgendwohin laden konnte und das sie sich abends sogar mit ins Bett nahm, wegen der Einschlaf-App und der Wecker-App am Morgen.

Unser Treffen fing damit an, dass sie als erstes unsere Kaffees fotografieren wollte, natürlich bevor wir uns einen Schluck davon genehmigten, wegen der originalen unzerstörten Milchschaumhaube und dem Kakaopuder obendrauf. Wie Schachfiguren schob sie die mit gesprenkeltem Milchschaum gedeckelten Kaffeetassen und das Blumensträußchen, sowie die Salz- und Pfefferstreuer in der Mitte des Tisches herum. Bald standen die Tassen vor und bald hinter der Tischdeko. Als endlich das perfekte Bild gespeichert war, begutachteten wir zusammen die kunstvollen Kaffeestilleben. Staunten AH und OH, bis Charlie das multifunktionale Elektronikteil abschließend zur Seite legte. Da lag es dann flach auf dem Tisch, vorübergehend stillgelegt, es lag einfach nur so da, zwischen Charlie und mir und machte einen beleidigten Eindruck. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Charlie und das Ding noch etwas Wichtiges miteinander vorhatten.

Ich schlürfte meinen Kaffee, als sie mich fragte, ob ich was dagegen hätte, wenn sie das beste Bild noch schnell hochladen würde? Das ginge ganz schnell, meinte sie. Nein, sagte ich, ich hätte nichts dagegen. Wie ein Küken nahm sie das Gerät vorsichtig in beide Hände und fing an mit beiden Daumen auf der gläsernen Oberfläche herum zu tappen. Sie müsse nur noch ein paar Hashtags hinzufügen, sagte sie, sonst würde kaum jemand das Bild sehen können, wenn sie es ins Netz stellte. Je mehr Hashtags, umso mehr glückliche Bildbetrachter, sagte sie.

Völlig ausgelaugt, aber mit einem gewissen zufriedenem Lächeln legte sie das Teil erneut auf den Tisch. Aber was soll ich sagen, Charlie blieb fahrig, war fokussiert und abgelenkt. Immer wieder warf sie einen Blick auf das Dings auf dem Tisch, musste sich versichern, dass sie keine wichtigen Nachrichten versäumt hatte, während sie mit mir am Tisch saß und ich sie abzulenken versuchte.

Sie sagte, seit sie das Phone immer mit sich trug, wäre sie viel ruhiger geworden. Es gäbe so viele gute Menschen im Netz, die ständig tief in ihre Psyche schauen könnten und dazu passende Sprüche posten würden, etwa wie: Lass sie dir doch alle den Buckel runterrutschen, sei dir selbst das Wichtigste in deinem Leben! Oder: Mach jeden Tag nur das was dich glücklich macht, die anderen lästern sowieso über dich! Oder: Mach was du willst, wer dich nicht mag, ist selber schuld! Charlie sagt, seit sie diese Sprüche kennt, wäre ihr das Leben viel angenehmer geworden.

Früher, sagt sie, da hätte man halt ständig irgendwas drauflos geplappert, hätte sich viel zu viele Gedanken um alles gemacht. Das müsste man heute gar nicht mehr, weil irgendjemand schon vorher über alles nachgedacht und es sinnvoll auf plakative Tafeln geschrieben hat. Dieses endlose dahin Philosophieren, da könnte man sich heute viel Zeit sparen, sagt sie.

Dann haben wir uns noch ziemlich lange durch die wichtigsten Lebensweisheiten gescrollt, währenddessen immerhin 321 Menschen Charlies Kaffeetassen besonders hübsch fanden.

Eine Lanze für den Burkini

Zugegeben, es scheint etwas befremdlich, wenn Frauen in Ganzkörperbadekleidung am Strand erscheinen. Aber waren unsere Großmütter und/oder Urgroßmütter nicht auch noch mit Rock und Bluse im Wasser? In Ostseebädern wie Heiligendamm oder Heringsdorf frischten sich die reichen Berlinerinnen noch in den zwanziger Jahren in voller Montur und mit Regenschirm auf. Und bei den Herren sah Badekleidung noch aus wie ein drolliger Strampelanzug für Erwachsene.

Die Kleidung wurde über zwei bis drei Generationen hinweg dann mehr und mehr abgelegt und ab 1960 machte Caterina Valente den Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini zum Kassen- und zum Bademodenschlager und seither gibt es so gut wie keine Geheimnisse mehr rund um den weiblichen Körper. Unsere westliche Gesellschaft hat sich, kulturell bedingt, entblößt und einige Sonnenanbeter bevorzugen gar die völlige Nacktheit am Strand. Was würden unsere Großmütter wohl dazu gesagt haben und würde man heute eine noch Überlebende dieser Generation am Strand zwingen ihre Kleidung abzulegen? Darf man angezogen jetzt überhaupt noch ans Meer oder einen Strandspaziergang machen? Bekleidet unter Halbnackten, geht das?

Nun kann man über die hygienischen Vor- und Nachteile eines Burkinis streiten. Wenn man bedenkt, dass sich Münchner Grundschüler unter der Sammeldusche splitterfasernackt von oben bis unten einseifen müssen, damit sie überhaupt am Schulschwimmen teilhaben dürfen, dann sind der vielleicht ungewaschene Körper im vielleicht ungewaschenen Burkini allerdings nicht Schwimmbadtauglich. Abgesehen davon, dass man selber ja auch nicht im Taucheranzug schwimmen möchte. Aus hygienischen Gründen ist das Tragen einer Vollbekleidung im Schwimmbecken daher eher nicht angebracht, finde ich. Und notwendig ist es auch nicht, weil der Körper im Schwimmbad eher unter Wasser, als über Wasser ist. Frau könnte also hier vielleicht lockerer auf einen Badeanzug umsteigen und ihr Haupthaar könnte sie, genau wie früher, mit einer Badekappe bedecken.

Meine beste Freundin Charlie sagt, an den Strand und ins Meer könnte sie auch im Abendkleid gehen, das ginge nun wirklich niemanden etwas an, aber ins Schwimmbecken würde sie dann doch lieber eine etwas leichtere Bekleidung wählen. Das Tragen einer Badekappe, wie früher vorgeschrieben, fände sie auch gar nicht so schlecht, weil an sehr heißen Tagen, wenn die Schwimmbecken überfüllt sind, sich beim Schwimmen immer wieder einmal längere Haare zwischen die Finger hängen, was sie auch nicht so toll findet.

Wir haben dann noch lange darüber gesprochen, dass jede grundlegende Veränderung Zeit braucht und dass es bereits ein großer Fortschritt ist, wenn eine Frau ihre Burka gegen eine Burkini tauscht, denn damit hätte sie den ersten Schritt in eine freie Welt bereits getan.

Vom Sprachen sprechen

Meine beste Freundin Charlie spricht fünf Fremdsprachen. Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und seit neustem auch noch Russisch. Und Deutsch natürlich sowieso.

Ich kann das nicht annähernd. Deutsch und Fränkisch vielleicht oder schwäbisch, vielleicht ein wenig Englisch noch, aber das war es dann auch schon. Ich kann mir zwar in jeder Sprache einen Cappuccino mit einem Glas Wasser bestellen, aber weitergehende Fragen kann ich dann nicht mehr beantworten.

Das Problem ist folgendermaßen: Ich lerne ein paar Vokabeln auswendig und versuche sie dann so brauchbar wie möglich grammatikalisch korrekt in einen Satz zu packen. Naturgemäß meint mein Gegenüber dann, ich bin seiner Sprache mächtig und fängt sofort an, Konversation zu machen. Das läuft dann meist in etwa so ab:
Ich bestelle mir in einem Café eine Tasse Cappuccino in perfekter Landessprache, sogar mit einem freundlichen Bitte dazu, und mit einem durch und durch bescheidenem Lächeln, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt:
„Un capuchino, un vaso de agua, por favor.“

Kellner: “ Gracias, señora. El capuchino dulce, media o baja en azúcar? Un gran vaso de agua, un vaso pequeño de agua y carbonatada o no?“

Ich: “ Sólo un capuchino, per favor!“

Kellner: “ Lo entiendo. El capuchino dulce, media o baja en azúcar? Un gran vaso de agua, un vaso pequeño de agua con u sin carbonatada o como?“

Ich: „Äh, sweet dann.“

Kellner: „Sí, dulce. Un gran vaso de agua, un vaso pequeño de agua con u sin carbonatada?“ Und dabei sieht er mich so mitleidig an, als ob ich nicht bis drei zählen könnte.

Ich: „Mit Wasser, bitte, Aqua, nur Aqua!“

Meistens geht der Kellner dann und bringt halt in etwa, was ich bestellt habe. Und ganz oft kommt er dann mit dem Cappuccino und dem Wasserglas auf dem Tablett zurück und sagt schmunzelnd in seinem besten Deutsch:
„Ihr Cappuccino, gnädige Frau, und das Wasser!“

Und dann labere ich, nicht ganz ohne Genugtuung, er soll ja nicht denken, dass ich überhaupt keiner Sprache mächtig bin:
„Wenn ich gewusst hätte, dass sie Deutsch sprechen, hätte ich das alles auch viel einfacher haben können und dann hätten wir gar nicht solange debattieren müssen. Ich finde es so schön und überaus freundlich von Ihnen, dass sie meine Sprache sprechen, vielen Dank!“

Dann erwidert der Kellner häufig:
„¿Qué, señora?“

Und dann müssen wir beide lachen.

Mein kompliziertes Leben ohne Facebook

Meine Welt ist so kompliziert geworden. Ich meine die Welt derer, die so ein komplexes System wie die Bundesrepublik Deutschland am Laufen halten müssen. Und darin ganz speziell die, die auch noch versuchen, das System das sie erhalten müssen verstehen zu wollen.

Aber vielleicht gibt es gar nichts zu verstehen. Vielleicht ist das ganze System inzwischen zu einem gut geölten Selbstläufer geworden? Ein Uhrwerk, das einmal aufgezogen, nimmermüde vor sich hin rattert und nicht mehr angehalten werden kann. Jeder tut was er tun muss, ohne zu hinterfragen warum er das tut, weil sowieso alles immer reibungslos ineinander läuft. Alles dreht sich, alles bewegt sich und ständig lauert überall die Veränderung, die letztlich gar keine wirkliche Veränderung ist, sondern nur eine andere Ausgestaltung des Bestehenden.

An manchen Tagen, zum Beispiel heute, wenn ich wieder einmal das Password für meine Facebook App vergessen habe, scheint mir schon das Nichtstun so kompliziert, dass es kaum noch auszuhalten ist. In solchen Augenblicken frage ich mich was passiert eigentlich, wenn ich meinen Müll nicht mehr trennen würde und einfach alles in die Restmülltonne entsorge? Was ist, wenn ich meine leeren Plastikwasserflaschen nicht mehr zum Discounter zurückbringe oder schlimmer noch, wenn ich morgens einfach mal im Bett liegen bleibe? Was passiert eigentlich, wenn ich wochenlang keine Nachrichten mehr hören oder lesen würde, wenn mich die Klimaerwärmung mal kann oder wenn ich den Feinstaub einfach ignoriere? Was passiert, wenn es mir egal ist, woher unsere Energie kommt, wo unsere Krankenkassenbeiträge hin gehen und wie viele Menschen zuwandern oder im Gegenzug wieder abwandern? Wenn ich juristische Texte oder komplizierte Bedienungsanleitungen die ich nicht verstehen kann einfach wegwerfe? Meinen Steuerbescheid falsch ausfülle? Was passiert, wenn ich mein Geld ohne zu sparen einfach ausgebe und auf Altersarmut und Pflegenotstand pfeife?

Vermutlich bin ich systemmüde.

Statt politischer Nachrichten in der FAZ, der WELT oder auf N24 interessiert es mich plötzlich wie sorglos Daniela Katzenberger schon beim Frühstück lächelt oder welcher Fußballer welches Model heiratet und wo die beiden anschließend ihre Flitterwochen verbringen. Ich sehe mir Videos an, in denen sich kleine Hündchen rührend einander die Schnauzen ablecken, schaue kleinen drolligen Katzen beim Spielen zu oder lache über putzige Mäuse die sich gegenseitig aus einem Hamsterrad werfen. Das ist auch alles Leben, nur weniger kompliziert als das meine.
Und plötzlich ist er da, der Gedanke vom Sinn des Lebens. Das ist der Gedanke, der normalerweise erst nach der dritten Flasche Rotwein im Kreis lieber Freunde diskutiert wird, der jetzt aber plötzlich ganz plakativ neue Fragen vor mir entstehen lässt:

Woher komme ich?
Wer bin ich?
Was will ich?
Und wie heißt das verflixte Password für meine Facebook App gleich wieder?