Klassentreffen

Neulich, als ich mich mit meiner besten Freundin Charlie zusammen auf einen Kaffee getroffen habe, kam die Sprache auf ein Klassentreffen.

Ich meinte, es könne doch gar nicht so schwer sein, jetzt im Zeitalter des uneingeschränkten Zugangs zur absoluten Verknüpfung aller Namen und Orte im weltweiten Netz, einzelne Mitschüler aus der eigenen Grundschule wieder zu finden. Je älter ich werde, umso mehr Namen würden mir wieder einfallen, sagte ich ihr. Da könnte ich doch mal suchen, oder nicht? Klar, ist meine Grundschulzeit lange her und die Generation Mädchen von damals hat bei ihrer Hochzeit auch noch pflichtgetreu den Namen des zukünftigen Lebenspartners angenommen, das heißt, dass ich außer ein paar Unverheirateten wohl kaum eine Chance haben werde, die Mädchen wieder zu finden. Aber die Jungs wären doch noch da und vielleicht ließe sich da die eine oder andere Verbindung wieder herstellen. Einen Versuch wäre das wenigstens wert, sagte ich zu Charlie.

Aber Charlie hat meine Idee sofort vom Tisch gewischt. In der Vergangenheit gibt es keine Zukunft, sagte sie lapidar und dann hat sie gemeint, ob ich mich nach einem halben Jahrhundert wirklich mit Menschen treffen wolle, von denen jeder über jeden denkt, der andere wäre aber alt geworden oder würde zumindest sehr viel älter aussehen, als man selber.

Außerdem meinte sie, sie hätte sowas vor ein paar Jahren schon mal mitgemacht und jeder hätte jedem seine Lebensgeschichte erzählen wollen aber niemand war wirklich interessiert dem anderen zuzuhören. Was will man auch mit der Lebensgeschichte von Menschen, die man gar nicht kennt anfangen, fragte sie mich ernsthaft.

Die Aufschneider, die dir erzählen, was ihnen alles geglückt ist und welchen Erfolg sie im Leben hatten, die wollen dich nur neidisch machen, deinen Respekt einfordern, weil sie den brauchen und die anderen, die Loser der Gesellschaft, denen kannst du eh nicht helfen, die jammern nur herum. Und die in der Mitte sind langweilig, da bist du froh, wenn du sie wieder los bist.

Jetzt war Charlie erst richtig in Fahrt und sie erzählte mir noch davon, dass sie an diesem Abend wieder mit sich selbst als kleines Mädchen konfrontiert wurde und erst in den alten Gesichtern gesehen hat, was damals bei den Kindern alles nicht passte. Sie hat gesehen, was sie nicht ändern konnte, weil sie klein war und keinen Einfluss hatte.

Beim Sport haben sie mich nie in die Mannschaft gewählt, sagt sie, ich bin immer übrig geblieben und die Mannschaft, die mich dann nehmen musste, hat sich beim Lehrer beschwert. Wenn ich den Finger gehoben habe, weil ich etwas wusste, hat mich der Lehrer nicht aufgerufen, sondern immer zwei oder drei andere gefragt, die dann Quatsch erzählt haben, damit die ganze Klasse über sie lachen konnte. In den Pausen stand ich alleine herum und später hatten die dümmsten Gören die tollsten Verehrer. Angegeben haben sie und Gruppen gebildet in die ich nur passte, wenn ich mich selbst aufgegeben habe.

Ich sagte, ja Charlie, du hast recht, das will ich mir nicht antun. Mein Leben ist das, was ich selbst daraus gemacht habe. Und dann bestellten wir uns ein Glas Sekt und stießen auf die Zukunft an.

Warum…?

“Warum?”, sei eine dumme Frage wurde mir als Kind oft gesagt und dann mit der Gegenfrage geantwortet: “Warum ist die Banane krumm?”, was so viel bedeutet wie: “Das ist halt so. Punkt.”

Klar, dass ich im Laufe meines Lebens herausgefunden habe warum die Banane krumm ist. Da gibt es keine kleinen Kinder im Urwald, die diese Frucht krumm biegen, sondern die Bananenfrucht wächst seitlich aus der Staude heraus und um sich dem lebensnotwendigen Licht zuzuwenden, muss sie sich nach oben hin krümmen. Würde sie von vornherein allseits mit Licht beschienen, würde sie gerade wachsen. Man könnte also durchaus einzelne Stauden gleichmäßig rundherum mit künstlichem Licht bestrahlen und, um den Schönheitssinn einiger Konsumenten zu befriedigen, kerzengerade Bananen züchten. Es gibt also eine Antwort zur krummen Banane und es gibt sogar eine dazugehörige Lösung, sollte die Banane europakonform gezüchtet werden müssen.

Es gibt da aber auch noch andere Fragen in Europa, zum Beispiel die: Warum sind die schlechteren Abgas-Werte von einigen VW-Modellen ein Problem, während stinkende Oldtimer mit einem Sonderkennzeichen straffrei in den überfüllten Innenstädten herumfahren dürfen?

Oder eine weitere Frage: Warum fordern bei zunehmender Freiheit und Öffnung der Länder, einzelne Völker wieder ihre nationalistische Ordnung, während vor kurzem nationalistisch geordnete Völker noch nach Freiheit und Öffnung riefen?

Oder die Frage nach einem ausgeglichenem Verhältnis zwischen Staat und Religion: Warum werden in einigen Kulturen die religiösen Glaubensregeln über die Staatsgewalt gestellt, während woanders die Staatsgewaltigen die Religion gänzlich verbieten?

Um bei den Kulturen zu bleiben, ich frage mich auch: Warum dürfen Chinesen bei Tisch rülpsen und furzen, während dies bei uns zu den schlechten Manieren zählt?

Oder mal rechnerisch gefragt: Warum zählt in Ländern mit Polygamie die Geburt eines Sohnes mehr, wenn es später für jeden Sohn mehrere Frauen geben soll?

Ganz banal die Frage: Warum lassen Raucher die leere Zigarettenschachtel einfach auf den Boden fallen, während sie diese, mit nur einer einzigen Zigarette darin, vorher stundenlang mit sich herum tragen konnten?

Warum ist Untergewicht das Schönheitsideal bei Nahrungsmittelüberangebot, während bei Nahrungsmittelmangel das Übergewicht schön ist?

Warum sehnen sich so viele Singles nach einem festen Partner, während sich viele Paare am liebsten wieder trennen würden?

Meine beste Freundin Charlie erzählte mir neulich, dass sich der Lehrer ihres Jüngsten am Elternabend über die zunehmenden Wissenslücken seiner Schüler in der Klasse beschwerte, während sich ihr Sohn zu Hause beklagte, dass der Pauker auf sämtliche Fragen seiner Schüler mit: “Das solltest du inzwischen selber wissen!”, antwortet. Ja, warum…?

Aus Zeit wird Geld

Nein, ich sag das jetzt nicht. Ich sag nicht: Früher war alles besser. Denn das ist genau der Satz, mit dem die Grauhaarigen einer jeden Generation nur allzu gerne vorgeführt werden. Der Satz der beweisen soll, dass die mit vielen Jahren Gesegneten in ihrem Denken stehen geblieben sind und die Gegenwart sie überfordert.

Ich sage deswegen lediglich: Früher war es anders, vieles lief langsamer. Punkt.

Dass es anders war, fiel mir wie Schuppen von den Augen, als ich gestern einen Bericht über eine bayrische Automarke gesehen habe, einen Kinovorfilm von anno dazumal, als meine Eltern noch jung waren. Die langen beschaulichen Filmsequenzen und die ruhige, gemächliche Sprechweise des Moderators, der dem Zuschauer die Einzelheiten der Firmengeschichte erklärte, wirkten friedlich, fast einschläfernd. Das Auge konnte die damals noch wenigen Finessen des Produkts klar erkennen, darauf verweilen und ohne Anstrengung konnte das Ohr die notwendigen Erklärungen aufnehmen ins Gehirn transportieren und ohne Nachgrübeln in der richtigen Schublade ablegen. Schwarz weiß, ohne Schnörksel und ohne Hektik.

Heute sehen Berichte anders aus. Schnelle aufeinanderfolgende Szenenwechsel, schnelle Sprecher, Zoom hin, Zoom weg, krachbunte Teilstücke ohne jemals das Ganze zeigen zu wollen, weil es in seiner Komplexität in der Eile eh nicht erfasst werden soll und wenn es spannend wird trennt ein Werbeblock den Interessierten aus der Geschichte. Schlag auf Schlag werden die Verlockungen zum Konsum eingeblendet, bis man vergessen hat bei welcher Sendung man eigentlich gerade hängen geblieben ist. Es ist keine Zeit mehr, den Blick verweilen zu lassen, keine Zeit mehr sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Zeit ist Geld geworden und jede Minute kostet.

In kurzer Zeit mehr anbieten zu können, bedeutet in kurzer Zeit mehr Geld zu verdienen. Bereits vor 200 Jahren prägte Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA, den Satz: Zeit ist Geld. Diese Erkenntnis hat bis heute vermutlich ihren Höhepunkt erreicht. Kurzlebiger sind die Moden, die Klamotten, die Filme, die Kindheit, die Jugend, die Ehen, die Jobs, die Tage, die Wochen, die politischen Absprachen, die Sommer, die Winter und das ganze Leben an sich. Und diese Feststellung ist nicht nur einem diffusen Gefühl meines Alters geschuldet, nein, der Beweis sind alte Filme und alte Berichte, die ihre Inhalte so zeitverschwenderisch präsentieren, dass es uns heute in Staunen versetzt.

Experimente mit Studenten haben gezeigt, dass die “Zeit-ist-Geld-Einstellung” dazu führt, den wirtschaftlichen Wert der Zeit immer mehr maximieren zu wollen. Der Vorteil einer Erfahrung, die eigentlich Spaß machen sollte, wird im Gegenzug ignoriert. Das heißt, ein Musikstück, ein Film, ein Spiel machen weniger Spaß, wird man dazu gezwungen, an das Geld zu denken, das man in der selben Zeit hätte verdienen können.

Meine beste Freundin Charlie fragte mich neulich erst, ob ich schon einmal an das viele Geld gedacht hätte, das ich verdienen hätte können, während ich an einem Blogbeitrag schreibe. Nein, ehrlich gesagt noch nicht, aber ich werde das nächste Mal ganz nebenbei darüber nachdenken, wenn ich einen alten Film aus den 50ern sehe, bevor ich aus lauter Entspannung einschlafe.

Ein bisschen Frieden…

Es war beim Eurovision Song Contest im Jahre 1982, als sich Nicole mit dem Lied von Ralph Siegel und Bernd Meinunger ruhig und gefasst auf einem Stuhl sitzend, nur von ihrer Gitarre und einer Harfe begleitet, in die Herzen der Zuschauer und der Jury sang. Als sie den Song Contest gewonnen hatte, sang sie ihr Lied noch einmal, für Europa, wobei sie inmitten ihres Gesangs mehrmals die Sprache wechselte. Sie sang Deutsch, Englisch, Französisch und Flämisch. Und noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich mir ihr Lied auf Youtube anhöre und die Begeisterung der Zuschauer spüre. Damals war Europa in Aufbruchsstimmung, Zusammenhalt und neue Horizonte waren gefragt, denn alles konnte nur besser werden.

Ich gebe zu, die letzten Jahre habe ich den Song Contest nicht mehr aktiv verfolgt. Ich bekomme nur noch mit was nicht zu überhören ist, zum Beispiel die Geschichte von dem Österreicher, der sich zwei Rippen exportieren ließ, damit er mit schmalerer Taille in Frauenkleidung Größe 34 passte. Es war ihm egal, ob man ihn für Frau Conchita oder für Herrn Wurst hielt. Das Lied habe ich nie richtig wahrgenommen, aber die schwarze Langhaarperücke über dem Bartgesicht entging auch mir nicht. Viele haben ihm zugejubelt, weil er der Geschlechtslosigkeit den Vorrang gab und damit punktuell den Zahn seiner Zeit getroffen hatte.

Kritiker des Song Contest behaupten, das musikalische Spektakel wäre sowieso nur eine politische Farce. Der Song Contest diene der Völkerverständigung, ist sozusagen eine Europameisterschaft für Nichtfußballer und Gewinner ist immer der, der Europa was zu sagen hat. So war das mit Nicole, dem Conchita und so ist es dieses Mal mit Jamala aus der Ukraine, die mit ihrem Lied die Geschichte ihrer Großeltern erzählt, die 1944 von der Insel Krim vertrieben wurden. Sozusagen ein direkter Hinweis auf das, was in Europa nicht in Ordnung ist. Von was hätten wohl die Griechen singen müssen, damit man sie nicht schon im Halbfinale rausgeschmissen hätte?

Inzwischen kann es so viele Lieder gar nicht geben, um zu beschreiben was in Europa alles schief läuft. Immer mehr Länder schotten sich ab und immer mehr Menschen johlen wieder nationalistische Parolen, auch in Deutschland. Parteien die keinen Hehl daraus machen, dass sie sich für die Reinhaltung ihres Volkes einsetzen wollen, bekommen zunehmend fragwürdige Zustimmung. “Wir für uns!”, als Kampfansage. Hatten wir das nicht schon einmal im Geschichtsunterricht?
Sollte in Österreich demnächst der rechte Flügel die Regierung übernehmen, steht das Programm schon fest: Ausländische Arbeitskräfte sollen nicht mehr über die Arbeitsämter vermittelt und zugleich aus der allgemeinen Sozialversicherung ausgeschlossen werden. Feindseligkeit gegen Muslime ist dort schon jetzt Grundton. Polizei, Justiz und Militär sollen mit harten Rechten durchsetzt werden und das Conchita muss sich warm anziehen, wenn es noch einmal als Österreicher sein Land vertreten möchte. Vielleicht gibt es auch dort bald nur noch eine Staatspresse, die mit relativer Berichterstattungsfreiheit aus der Regierung berichtet. Andere Länder machen uns bereits vor, wie mit der Pressefreiheit umgegangen werden muss, damit das Volk bei Stimmung bleibt.

Nationalistische Kleinstaaterei in einem Europa, das sich global öffnen wollte. “Tür zu, hier ziehts!”, schreit es aus den rechten Lagern, die sich auf den Weg machen ihre Staaten “sauber” zu halten: Keine Fremden, kein europäischer Zusammenhalt, kein Schmutz auf heimischen Boden. Jetzt heißt es die Gewinne aus den fetten Zeiten des europäischen Miteinanders national zu verteidigen.

Vielleicht sollte ich den europäischen Song Contest künftig doch wieder aktiv verfolgen, nur um zu wissen, welcher Tenor in Europa künftig angeschlagen wird.

Was, wenn die Welt in Ordnung ist?

Ich werde oft gefragt, warum ich so gerne Kaffeetrinken gehe. Nun, die Antwort ist ganz leicht: Ich genieße die Pause, in der die Welt in Ordnung ist!

Jedenfalls für mich in Ordnung ist. Der anheimelnde Kaffeeduft überall um mich herum, entspannte Gesichter an allen Tischen, der erste Schluck aus der dicken Tasse (ich trinke meinen Kaffee übrigens süß und mit Milch) und wenn ich Glück habe, kann ich dabei sogar im Freien sitzen und mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und genau in diesem Augenblick ist die Welt in Ordnung!

In diesen paar Minuten ist mir der Schmutz in den Ecken egal, ich denke nicht an meine Arbeit, es ist mir egal, wer und warum was zu wem gesagt hat, ich habe keine Flüchtlingsprobleme, keine Angst vor Altersarmut, keinen Pflegenotstand, keine Angst vor fremden Religionen, vor einem leeren Konto, vor Vogelgrippe, vor Kernkraftwerken und Erdbeben. Kurzum, ich habe keine “German Angst”.

Die “German Angst” scheint so typisch für uns Deutsche zu sein, dass sie sogar im Lexikon Erwähnung findet. Wir Deutschen leiden wie kein anderes Volk an uns selbst und an der Welt um uns herum. Diffuse Ängste zerstören uns den Glauben in unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Wir sorgen uns einfach um alles. Wir sorgen uns um unsere Gesundheit, um unsere Fitness und unser Einkommen im Alter, um die Innenpolitik, die Außenpolitik, um die Wirtschaft und unseren Arbeitsplatz. Wir sorgen uns um die Ursprünglichkeit unseres Essens, die Ökologie unserer Kleidung, die Reinheit unserer Atemluft, wir sorgen uns um unsere Kinder, unsere Alten, unsere Haustiere und wir sorgen uns vor allem darum, den Frieden in der Welt nicht sichern zu können, denn wenn der nicht gesichert ist, dann kommen alle Menschen zu uns und wenn sie erst einmal hier sind, sorgen sie sich, genau wie wir selbst, um die gleichen Dinge. Und irgendwann leidet die ganze Welt an der “German Angst”.

Und deswegen also, sitze ich gerne in und vor Kaffeehäusern herum, weil mir dort niemand den Eindruck vermittelt, die Welt wäre in Unordnung und man müsste sich ständig um seine Gegenwart und um seine Zukunft sorgen. Aus aller Herren Länder kommen die Menschen hierher, sie sprechen verschiedene Sprachen und sie haben unterschiedliche Hautfarben. Manche sind religiös, andere schwören auf den Humanismus, einige trinken ihren Kaffee schwarz und andere lieber mit Milch, mit Zucker oder mit Milch und Zucker, manche sprechen laut und andere leise, deutsch oder englisch, französisch, arabisch oder deutsch ohne Grammatik. Und wenn ich in der Sonne die Augen schließe hört es sich an, als flöge ein riesiger schnatternder Gänseschwarm über mich hinweg. Dann wünsche ich mir viel mehr Kaffeehäuser und viel mehr öffentlichen Raum, um Gemeinschaft zu fühlen und um die diffusen Ängste abzubauen, die Ängste voreinander und vor allem die selbstvergiftende typische “German Angst”.

Meine beste Freundin Charlie sagt, das Problem wäre, dass man sich an alles gewöhnt. Sie hätte sich sogar schon an ihre Altersflecken gewöhnt, jetzt findet sie die gar nicht mehr so dramatisch wie noch vor einem Jahr. Sie meint, an den dauernden Weltschmerz hätte sie sich auch schon gewöhnt und ihr würde direkt etwas abgehen, wenn das anders wäre. Aber sie stimmt mir zu, dass man sich auch gerne mal eine Auszeit aus der Angst nehmen darf.

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Hinter dieser Überschrift verbirgt sich ein altes Kinderspiel, das bei langen Auto- oder Zugfahrten den Kindern die Zeit verkürzt. Einer sagt: “Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist rot!” Und dann müssen die Mitspieler alles benennen, was in ihrem Umfeld rot ist, solange, bis der richtige Gegenstand erkannt wird. Der Sieger darf dann die nächste Suche starten und sich zum Beispiel was Grünes aussuchen.

In Zeiten mehrerer europäischer Staatspleiten würde ich das Spiel gerne übertragen und zwar auf Leute, die nicht in Deutschland leben. Der Raum in dem gesucht wird, wäre dann das deutsche Finanzamt und alle müssten raten, warum Herr Schäuble so viel Geld hat, dass er trotz Schuldentilgung eine schwarze Null in seinen Haushalt schreiben kann. Es müsste dann geraten werden, woher die schwarze Null kommt und warum Deutschland so reich ist.

“Ich sehe was, was du nicht siehst und das fängt mit ‘B’ an.” Das könnte die Baulandsteuer, die Beförderungssteuer, die Biersteuer oder die Branntweinsteuer sein. Das ist noch relativ gut zu erraten, wenn es dagegen mit ‘S’ anfängt, wird das Raten schon schwieriger, denn das könnte die Salz-, die Schankerlaubnis-, die Schaumwein-, die Schenkungs-, die Speiseeis-, die Spielbank-, die Spielkarten-, die Strom- und die Süßstoffsteuer sein oder der Solidaritätszuschlag, der früher mal ein Stabilitätszuschlag war, Lohnabschläge, die auf ihre Weise auch zu den Steuereinnahmen gehören. Insgesamt gibt es in Deutschland über sechzig Steuerarten. Die Mehrwertsteuer, die auf jede Arbeitsleistung und jeden Konsumartikel noch obendrauf geschlagen wird, gar nicht mitgerechnet.

“Ich sehe was, was du nicht siehst und das fängt mit “A” an”, das wären dann die Abzüge vom Lohn, die jeder Arbeitnehmer ungefragt zum Solidartopf beisteuern muss. Das sind in Deutschland die Lohnsteuer, der Solidaritätszuschlag, die Kirchensteuer, die Krankenversicherung, die Rentenversicherung, die Pflegeversicherung und die Arbeitslosenversicherung. Das kann einem gutverdienenden Single schon mal die Hälfte seines Einkommens kosten. Und nicht zu vergessen obendrauf die Arbeitgeberanteile, die ebenfalls in den Solidarkassen des Staates landen.

Und weil in Deutschland die Finanzämter im unteren Bereich so untadelig arbeiten, fließen sämtliche Abgaben der ehrlichen Steuerzahler in den Haushalt des Finanzministers, wo sie dann auf ihre Umverteilung zugunsten unseres Rechtsstaats warten.

Zugegeben, verschiedene Abgaben landen nicht im Steuersäckel des Finanzministers, sondern bei sogenannten halbstaatlichen Organisationen, wie zum Beispiel bei den Krankenkassen. Und wo Herr Schäuble seine Hand nicht direkt drauf hat, ist nicht geradlinig ersichtlich, warum trotz monatlicher Höchstbeiträge der eigene Krankheitsfall nur noch teilabgesichert ist. Gebäude und Verwaltung verschlingen die Beiträge an die Kassen sagen die einen, überhöhte Arztrechnungen und überteuerte Pillen sagen die anderen. Nur so viel ist sicher: Gesundwerden hängt nicht von der Höhe der Beiträge an die Krankenkassen ab!

Meine beste Freundin Charlie sagt, erst wenn es ein einziges Mega-Europa-Finanzamt gibt, wo jeder Europäer seine sechzig Steuerarten einzahlen muss und Herr Schäuble der Mega- Euro-Finanzminister ist, erst dann könnten alle Europäer sehen, wie viele Steuern es braucht, um eine schwarze Null zu schreiben.

Die Probleme der Superreichen

Sind wir doch einmal ehrlich: Die meisten Probleme auf dieser Welt hat man mit der Kohle, dem Zaster, dem Schotter, dem Geld, weil es Probleme macht wo es fehlt und weil es Probleme macht wo es zu viel ist. Sicher, die Probleme sind ganz unterschiedlich, aber Probleme sind eben Probleme.

So wie die einen nicht wissen woher sie das Geld nehmen sollen, so wissen die anderen inzwischen nicht mehr, wo sie es ausgeben können und schon gar nicht wissen sie, wo es sicher angelegt ist.

Aber wie ist das eigentlich, wenn man so viel Geld hat, dass man nicht mehr weiß, wohin damit?

Einer Dokumentation zufolge investieren die meisten Superreichen in Immobilien, die sie dann aber weder vermieten, noch selbst nutzen. Es geht ausschließlich darum diese Immobilien zu besitzen. Da werden Schlösser inmitten der romantischsten Landstriche gebaut mit privaten Tennisplätzen und Golfplätzen außen herum. Tausendachthundert Quadratmeter Wohnfläche und Achthundert Quadratmeter Keller mit Snookertisch, Schwimmbad, Partymeile und Fitnesslandschaft, Heimkino und hauseigener Bowlingbahn. Jeder der dort wohnen würde, bräuchte sein ganzes Leben lang nicht mehr irgend woanders hingehen oder hinfahren, weil sich alles was der Mensch begehrt in seiner Reichweite befindet.

In London werden riesige Stadthäuser entkernt, um aus mehreren Wohnungen eine einzige zu machen. Sechzigmillionen englische Pfund lassen sich auf diese Weise gut und sicher anlegen und für hundertvierzigtausend englische Pfund wöchentlich könnte man das Appartement sogar für einen wohlverdienten Urlaub mieten, Frühstück und Personal nicht inbegriffen.

Allerdings hätte der Vermieter dann wieder ein Problem. Das größte Problem der Superreichen ist nämlich das Steuerproblem. Denn was macht jemand, der wöchentlich so nebenbei hundertvierzigtausend englische Pfund verdient und nicht möchte, dass mit einem Teil dieses sauerverdienten Geldes die Infrastruktur und die Sicherheit des Landes mitfinanziert wird? Am besten er ändert zuallererst seinen Hauptwohnsitz und zieht in ein Land mit gemäßigteren Steuersätzen. Und wenn er nach dem Kauf seiner Traumimmobilie, seines Privatjets, seiner Luxusyacht und seinem Fuhrpark immer noch Geld übrig hat, lässt er sich vom Berater seines Vertrauens ein Steuersparmodell anbieten, das seine Einnahmen über sieben oder mehr Ecken hinweg für immer unsichtbar macht.

Meine beste Freundin Charlie sagt, das wirkliche Problem der Superreichen ist, dass sie nicht alles haben können, was ihr Herz begehrt. Zum Beispiel wollten vor drei Jahren Kundinnen in China, am Persischen Golf und in den USA um Ostern herum alle dieselbe Handtasche kaufen, nämlich die Luggage-Bag von Céline und es gab in ganz Deutschland nur noch eine einzige Tasche, was für ein Unglück für all die Superreichen, die keine Handtasche mehr bekommen hätten, sagt sie. Zu Weihnachten war die Luggage-Bag von Céline schon wieder uninteressant, dafür die Birkin Bag von Hermès überall im Gespräch. Da hieß es rechtzeitig zu bestellen, denn die Wartezeit auf diese bis zu zwanzigtausend Euro teure Tasche konnte bis zu neun Monaten dauern. So schwierig zu bekommen wie ein Baby, meint sie. Da nützt es auch niemandem, wenn er viel Geld hätte.

Ich habe einen Stoffbeutel, den meine Kinder im Kindergarten bemalt haben. Er ist so einzigartig, dass ich ihn nicht für eine Million hergeben möchte. Obwohl – man könnte durchaus mit mir darüber reden…

Schreiben wie…

Morgen bin ich zu einer Literaturpreisverleihung eingeladen. Natürlich habe ich mir von der nominierten Preisträgerin sofort einige Leseproben aus ihrem letzten Roman vorgenommen. Man will ja schließlich wissen, was Sache ist.

Sie schreibt nichts über die Warteschlangen an der Supermarktkasse, nichts über die Anstrengungen an einem Blue Monday seinen Alltag zu organisieren, nichts über Männerfilme versus Frauenfilme oder gar über den Daten-Messie im Zeitalter der Foto- und Kommunikationsüberflutung.

Sie schreibt, nein, was soll ich sagen, sie malt betörende Sprachbilder, über die Gefährdungen und die Schönheit eines durch und durch interkulturell geprägten Daseins in Raum und Zeit. In meisterhaft poetischer Prosa entwirft sie merkwürdige Landschaften am Rande des Wirklichen, die immer auch prekäre seelische Befindlichkeiten heutigen Lebens widerspiegeln. Sie ist eine weitgereiste, wohlgebildete und überaus sensible Schriftstellerin, die es schafft, das Leben, die Menschen und ihre Kulturen, in Worten zu beschreiben, die unseren aktiven Wortschatz weit übersteigen oder die in dieser Zusammensetzung, in dieser Aneinanderreihung, in unserem Alltag niemals vorkommen werden. Allenfalls nach dem Genuss von mehreren Flaschen Absinth, wenn sich die Bewusstseinserweiterung endlich Bahn brechen kann und das Wesentliche aus unserer Seele, das ultimative Erkennen des Seins, zu Tage fördert.

Mit dem Schreiben ist es wie mit dem Malen. Einfachen Eindrücken mannigfaltigen Ausdruck zu verleihen ist nur dann möglich, wenn man in der Lage ist, Impressionen überall dort zu sammeln, wo andere völlig Empfindungsfrei davor stehen. Eine abgemähte Wiese ist für den sensiblen Beobachter ein Beispiel für unterdrücktes Leben, das sich trotz Kontrolle und Beschneidung immer wieder Bahn brechen wird, ein Exempel für unsichtbare, weil niedergemähte Träume, durchaus wissend, um die Möglichkeit der Vielfalt, wenn man sie nur zuließe, wogegen der praktische Mensch vor sich, in einer abgemähten Wiese, lediglich genug Platz zum Fußballspielen sieht.

Meine beste Freundin Charlie sagt, Literaturpreise sind die Anerkennung des geistigen Inhalts in einer Welt der finanziellen Interessen an der praktischen Vermarktung der äußeren Erscheinung. Sie meint es wäre dumm, dass man sich meine Flohhupferl immer noch nicht dekorativ ins Regal stellen könnte.

Ich arbeite daran, versprochen!

Anonymus

Früher wurde man entweder überhaupt nicht nach seiner Meinung gefragt oder man konnte sie an einem Stammtisch kund tun, wo man unter Gleichgesinnten rund heraus sagen durfte, was man dachte. Sicher, da ist es auch schon mal heiß hergegangen, aber jemanden nachhaltig beleidigt hat man eher selten, weil man ja am anderen Tag wieder bei ihm einkaufen musste, ihm am Schreibtisch gegenüber saß oder in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit begegnen konnte.

Heute können wir, dem Internet sei Dank, überall, gefragt oder ungefragt, unsere Meinung sagen. Zu jedem Zeitungsartikel, zu jedem x-beliebigen Thema, kann jeder Mann und jede Frau Stellung beziehen. Und plötzlich teilen wir untereinander unsere extremsten Sichtweisen, sofern wir dabei unerkannt bleiben. Mit einem erfundenen Benutzernamen, wie beispielsweise XYDepp525, hat man sozusagen einen Freibrief für seine ungehemmte Meinungsäußerung erworben.

Nun frage ich mich natürlich, warum zeigen Menschen als Anonymus ihre schlimmsten Seiten, nicht aber, wenn sie mit ihrem richtigen Namen im Netz schreiben? Fällt da eine Maske? Geben sie da ihr Inneres preis, das sie ansonsten gerne verstecken, um nicht aufzufallen? Vielleicht ist mein netter Nachbar ein rechter Nationalist oder ein verkorkster Wadlbeißer, der anonym hetzt und beleidigt, um dann solcher Art und Weise erfrischt, nett über den Gartenzaun zu grüßen? Wem kann man denn überhaupt noch trauen?

Fragen über Fragen tun sich da plötzlich auf und die wichtigste Frage ist für mich: Zeigt der Mensch in der Anonymität sein wahres Ich oder tun sich da versteckte Abgründe auf, die er selbst an sich noch nicht kannte? Verstecken wir uns alle hinter einer Maske?

Wir Menschen benötigen zum Überleben soziale Beziehungen, sagen die Experten und deswegen wäre es ziemlich dumm, wenn wir unsere Schattenseiten überall sofort und ungehemmt vor uns her trügen. Wir müssen uns benehmen, wenn wir nicht alleine sein wollen. Wir werden dazu erzogen, uns zu beherrschen, unsere Geisteshaltung und unsere Gefühle entsprechend den gesellschaftlichen Benimmregeln zu äußern. Wir arbeiten an unserem Charakter, weil wir nicht alleine sein wollen.

Doch jeder Mensch hat seine wunden Punkte, sagen die Forscher, und nirgendwo ist es leichter seinen Frust darüber abzulassen, als im Netz, wo wir uns sicher fühlen nicht erkannt zu werden. Es entsteht ein sogenannter Enthemmungseffekt, wenn uns das direkte Feedback fehlt und wir nicht sehen, wen wir da eigentlich beleidigen und uns sicher sind, dass der andere auch nicht weiß, wer ihn beleidigt hat. Anonymität und das Fehlen einer Autorität sind die Hauptursachen für beleidigende, sexistische oder politische Extrem-Meinungen im Netz. Wer sich mit Klarnamen outet, bleibt in der Regel auch mit unbekannten Netzteilnehmern im Diskurs sachlicher und höflicher, sagen die Experten.

Meine beste Freundin Charlie fragt, wieso ich diesen Text im Plural geschrieben habe, sie fühle sich nicht angesprochen sagt sie. “Wir” beleidigen niemanden, auch nicht anonym. Da hat sie wieder einmal völlig recht, die Gute.

Liebeskummer unter der Lupe

Was ist der Unterschied, zwischen einem grippalen Infekt und Liebeskummer?
Gegen Liebeskummer ist kein Kraut gewachsen!

Liebeskummer entsteht, wenn unsere große Liebe nicht erwidert wird oder nicht mehr erwidert wird. Gefühle wie Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst machen sich in uns breit. Dass das Phänomen “Liebeskummer” unter Forschern auch das “Broken Heart-Syndrom” genannt wird, hat seinen guten Grund, denn der emotionale Stress sorgt dafür, dass unser Körper vermehrt Cortisol und Adrenalin ausschüttet und dass der Blutdruck steigt. Mit diesem Kraftcocktail in unserem Körper kann aber die Psyche in diesem Zustand der Trauer nichts anfangen. Statt zu laufen, bleiben wir liegen und statt die neuen Kräfte zielgerichtet einzusetzen, fühlen wir uns kraftlos, matt und ohne Antrieb, was tatsächlich dazu führen kann, dass unser Herz einen infarktartigen Schmerz verspürt.

Psychische Leiden verursachen physisches Leiden. Genauso, wie wir das Verliebtsein mit Herzrasen und Bauchkitzeln spüren, genauso spüren wir, wenn sich das Gegenteil, nämlich der Liebeskummer in uns breit macht. Forscher in diesen Herzensangelegenheiten haben herausgefunden, dass bei Liebeskummer die Glückshormone Dopamin und Serotonin zurückgehen und unser Gehirn infolge dessen wie auf einen Drogenentzug reagiert. Mit der Droge “verliebt” fühlt man sich pudelwohl, mit dem Absetzen der Droge ist man auf Entzug. Und weil wir an unsere Droge nicht mehr herankommen, verzweifeln wir beim Gedanken an die eigene Zukunft.

Trauern, schreien, weinen und leiden, nichts verdrängen, den Schmerz zulassen, das ist das Erste, was den Betroffenen wirklich hilft, sagen die Liebeskummer-Forscher. Das Kapitel abschließen, ein symbolisches Schloss vor die Emotionen hängen, indem sämtliche Erinnerungen aus den Augen verschwinden, das ist der zweite Schritt. Der dritte Schritt braucht Zeit, denn die ist es, die das gebrochene Herz langsam wieder zusammenwachsen lässt. In dieser Phase ist es wichtig, soziale Kontakte zu pflegen und sich sein Selbstvertrauen wieder zurückzuholen. Der vierte und letzte Schritt, ist das Durchstarten in ein neues Leben und da, sagen die Profis, sollte man genau das tun, was der Ex-Partner nie tun wollte, egal, ob das Fallschirmspringen, ein Tanzkurs oder neue Klamotten kaufen ist, wichtig ist nur, dass man sich nicht zu Hause vergräbt oder sich sofort in die nächste Abhängigkeit stürzt.

Und zu guter Letzt: Leiden Männer stärker als Frauen? Die Forscher sagen “ja”, das tun sie. Weil Männer andere soziale Kontakte pflegen wie Frauen, eher in Sieger- und Verliererkategorien denken und Männer selten gelernt haben, ihre Gefühle zuzulassen. Dafür stürzen sich Männer häufig nach einer Trennung in die Arbeit und in wilden Aktionismus. Die Meister der Verdrängung leiden ohne es zu wissen.

Meine beste Freundin Charlie sagt, wenn einer weint, dann war es Liebe, wenn niemand weint, dann war es nie Liebe und wenn beide weinen, dann ist es immer noch Liebe. Vielleicht hat sie wieder einmal recht.