Eine Lanze für den Burkini

Zugegeben, es scheint etwas befremdlich, wenn Frauen in Ganzkörperbadekleidung am Strand erscheinen. Aber waren unsere Großmütter und/oder Urgroßmütter nicht auch noch mit Rock und Bluse im Wasser? In Ostseebädern wie Heiligendamm oder Heringsdorf frischten sich die reichen Berlinerinnen noch in den zwanziger Jahren in voller Montur und mit Regenschirm auf. Und bei den Herren sah Badekleidung noch aus wie ein drolliger Strampelanzug für Erwachsene.

Die Kleidung wurde über zwei bis drei Generationen hinweg dann mehr und mehr abgelegt und ab 1960 machte Caterina Valente den Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandbikini zum Kassen- und zum Bademodenschlager und seither gibt es so gut wie keine Geheimnisse mehr rund um den weiblichen Körper. Unsere westliche Gesellschaft hat sich, kulturell bedingt, entblößt und einige Sonnenanbeter bevorzugen gar die völlige Nacktheit am Strand. Was würden unsere Großmütter wohl dazu gesagt haben und würde man heute eine noch Überlebende dieser Generation am Strand zwingen ihre Kleidung abzulegen? Darf man angezogen jetzt überhaupt noch ans Meer oder einen Strandspaziergang machen? Bekleidet unter Halbnackten, geht das?

Nun kann man über die hygienischen Vor- und Nachteile eines Burkinis streiten. Wenn man bedenkt, dass sich Münchner Grundschüler unter der Sammeldusche splitterfasernackt von oben bis unten einseifen müssen, damit sie überhaupt am Schulschwimmen teilhaben dürfen, dann sind der vielleicht ungewaschene Körper im vielleicht ungewaschenen Burkini allerdings nicht Schwimmbadtauglich. Abgesehen davon, dass man selber ja auch nicht im Taucheranzug schwimmen möchte. Aus hygienischen Gründen ist das Tragen einer Vollbekleidung im Schwimmbecken daher eher nicht angebracht, finde ich. Und notwendig ist es auch nicht, weil der Körper im Schwimmbad eher unter Wasser, als über Wasser ist. Frau könnte also hier vielleicht lockerer auf einen Badeanzug umsteigen und ihr Haupthaar könnte sie, genau wie früher, mit einer Badekappe bedecken.

Meine beste Freundin Charlie sagt, an den Strand und ins Meer könnte sie auch im Abendkleid gehen, das ginge nun wirklich niemanden etwas an, aber ins Schwimmbecken würde sie dann doch lieber eine etwas leichtere Bekleidung wählen. Das Tragen einer Badekappe, wie früher vorgeschrieben, fände sie auch gar nicht so schlecht, weil an sehr heißen Tagen, wenn die Schwimmbecken überfüllt sind, sich beim Schwimmen immer wieder einmal längere Haare zwischen die Finger hängen, was sie auch nicht so toll findet.

Wir haben dann noch lange darüber gesprochen, dass jede grundlegende Veränderung Zeit braucht und dass es bereits ein großer Fortschritt ist, wenn eine Frau ihre Burka gegen eine Burkini tauscht, denn damit hätte sie den ersten Schritt in eine freie Welt bereits getan.

Vom Sprachen sprechen

Meine beste Freundin Charlie spricht fünf Fremdsprachen. Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und seit neustem auch noch Russisch. Und Deutsch natürlich sowieso.

Ich kann das nicht annähernd. Deutsch und Fränkisch vielleicht oder schwäbisch, vielleicht ein wenig Englisch noch, aber das war es dann auch schon. Ich kann mir zwar in jeder Sprache einen Cappuccino mit einem Glas Wasser bestellen, aber weitergehende Fragen kann ich dann nicht mehr beantworten.

Das Problem ist folgendermaßen: Ich lerne ein paar Vokabeln auswendig und versuche sie dann so brauchbar wie möglich grammatikalisch korrekt in einen Satz zu packen. Naturgemäß meint mein Gegenüber dann, ich bin seiner Sprache mächtig und fängt sofort an, Konversation zu machen. Das läuft dann meist in etwa so ab:
Ich bestelle mir in einem Café eine Tasse Cappuccino in perfekter Landessprache, sogar mit einem freundlichen Bitte dazu, und mit einem durch und durch bescheidenem Lächeln, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt:
“Un capuchino, un vaso de agua, por favor.”

Kellner: ” Gracias, señora. El capuchino dulce, media o baja en azúcar? Un gran vaso de agua, un vaso pequeño de agua y carbonatada o no?”

Ich: ” Sólo un capuchino, per favor!”

Kellner: ” Lo entiendo. El capuchino dulce, media o baja en azúcar? Un gran vaso de agua, un vaso pequeño de agua con u sin carbonatada o como?”

Ich: “Äh, sweet dann.”

Kellner: “Sí, dulce. Un gran vaso de agua, un vaso pequeño de agua con u sin carbonatada?” Und dabei sieht er mich so mitleidig an, als ob ich nicht bis drei zählen könnte.

Ich: “Mit Wasser, bitte, Aqua, nur Aqua!”

Meistens geht der Kellner dann und bringt halt in etwa, was ich bestellt habe. Und ganz oft kommt er dann mit dem Cappuccino und dem Wasserglas auf dem Tablett zurück und sagt schmunzelnd in seinem besten Deutsch:
“Ihr Cappuccino, gnädige Frau, und das Wasser!”

Und dann labere ich, nicht ganz ohne Genugtuung, er soll ja nicht denken, dass ich überhaupt keiner Sprache mächtig bin:
“Wenn ich gewusst hätte, dass sie Deutsch sprechen, hätte ich das alles auch viel einfacher haben können und dann hätten wir gar nicht solange debattieren müssen. Ich finde es so schön und überaus freundlich von Ihnen, dass sie meine Sprache sprechen, vielen Dank!”

Dann erwidert der Kellner häufig:
“¿Qué, señora?”

Und dann müssen wir beide lachen.

Mein kompliziertes Leben ohne Facebook

Meine Welt ist so kompliziert geworden. Ich meine die Welt derer, die so ein komplexes System wie die Bundesrepublik Deutschland am Laufen halten müssen. Und darin ganz speziell die, die auch noch versuchen, das System das sie erhalten müssen verstehen zu wollen.

Aber vielleicht gibt es gar nichts zu verstehen. Vielleicht ist das ganze System inzwischen zu einem gut geölten Selbstläufer geworden? Ein Uhrwerk, das einmal aufgezogen, nimmermüde vor sich hin rattert und nicht mehr angehalten werden kann. Jeder tut was er tun muss, ohne zu hinterfragen warum er das tut, weil sowieso alles immer reibungslos ineinander läuft. Alles dreht sich, alles bewegt sich und ständig lauert überall die Veränderung, die letztlich gar keine wirkliche Veränderung ist, sondern nur eine andere Ausgestaltung des Bestehenden.

An manchen Tagen, zum Beispiel heute, wenn ich wieder einmal das Password für meine Facebook App vergessen habe, scheint mir schon das Nichtstun so kompliziert, dass es kaum noch auszuhalten ist. In solchen Augenblicken frage ich mich was passiert eigentlich, wenn ich meinen Müll nicht mehr trennen würde und einfach alles in die Restmülltonne entsorge? Was ist, wenn ich meine leeren Plastikwasserflaschen nicht mehr zum Discounter zurückbringe oder schlimmer noch, wenn ich morgens einfach mal im Bett liegen bleibe? Was passiert eigentlich, wenn ich wochenlang keine Nachrichten mehr hören oder lesen würde, wenn mich die Klimaerwärmung mal kann oder wenn ich den Feinstaub einfach ignoriere? Was passiert, wenn es mir egal ist, woher unsere Energie kommt, wo unsere Krankenkassenbeiträge hin gehen und wie viele Menschen zuwandern oder im Gegenzug wieder abwandern? Wenn ich juristische Texte oder komplizierte Bedienungsanleitungen die ich nicht verstehen kann einfach wegwerfe? Meinen Steuerbescheid falsch ausfülle? Was passiert, wenn ich mein Geld ohne zu sparen einfach ausgebe und auf Altersarmut und Pflegenotstand pfeife?

Vermutlich bin ich systemmüde.

Statt politischer Nachrichten in der FAZ, der WELT oder auf N24 interessiert es mich plötzlich wie sorglos Daniela Katzenberger schon beim Frühstück lächelt oder welcher Fußballer welches Model heiratet und wo die beiden anschließend ihre Flitterwochen verbringen. Ich sehe mir Videos an, in denen sich kleine Hündchen rührend einander die Schnauzen ablecken, schaue kleinen drolligen Katzen beim Spielen zu oder lache über putzige Mäuse die sich gegenseitig aus einem Hamsterrad werfen. Das ist auch alles Leben, nur weniger kompliziert als das meine.
Und plötzlich ist er da, der Gedanke vom Sinn des Lebens. Das ist der Gedanke, der normalerweise erst nach der dritten Flasche Rotwein im Kreis lieber Freunde diskutiert wird, der jetzt aber plötzlich ganz plakativ neue Fragen vor mir entstehen lässt:

Woher komme ich?
Wer bin ich?
Was will ich?
Und wie heißt das verflixte Password für meine Facebook App gleich wieder?

Klassentreffen

Neulich, als ich mich mit meiner besten Freundin Charlie zusammen auf einen Kaffee getroffen habe, kam die Sprache auf ein Klassentreffen.

Ich meinte, es könne doch gar nicht so schwer sein, jetzt im Zeitalter des uneingeschränkten Zugangs zur absoluten Verknüpfung aller Namen und Orte im weltweiten Netz, einzelne Mitschüler aus der eigenen Grundschule wieder zu finden. Je älter ich werde, umso mehr Namen würden mir wieder einfallen, sagte ich ihr. Da könnte ich doch mal suchen, oder nicht? Klar, ist meine Grundschulzeit lange her und die Generation Mädchen von damals hat bei ihrer Hochzeit auch noch pflichtgetreu den Namen des zukünftigen Lebenspartners angenommen, das heißt, dass ich außer ein paar Unverheirateten wohl kaum eine Chance haben werde, die Mädchen wieder zu finden. Aber die Jungs wären doch noch da und vielleicht ließe sich da die eine oder andere Verbindung wieder herstellen. Einen Versuch wäre das wenigstens wert, sagte ich zu Charlie.

Aber Charlie hat meine Idee sofort vom Tisch gewischt. In der Vergangenheit gibt es keine Zukunft, sagte sie lapidar und dann hat sie gemeint, ob ich mich nach einem halben Jahrhundert wirklich mit Menschen treffen wolle, von denen jeder über jeden denkt, der andere wäre aber alt geworden oder würde zumindest sehr viel älter aussehen, als man selber.

Außerdem meinte sie, sie hätte sowas vor ein paar Jahren schon mal mitgemacht und jeder hätte jedem seine Lebensgeschichte erzählen wollen aber niemand war wirklich interessiert dem anderen zuzuhören. Was will man auch mit der Lebensgeschichte von Menschen, die man gar nicht kennt anfangen, fragte sie mich ernsthaft.

Die Aufschneider, die dir erzählen, was ihnen alles geglückt ist und welchen Erfolg sie im Leben hatten, die wollen dich nur neidisch machen, deinen Respekt einfordern, weil sie den brauchen und die anderen, die Loser der Gesellschaft, denen kannst du eh nicht helfen, die jammern nur herum. Und die in der Mitte sind langweilig, da bist du froh, wenn du sie wieder los bist.

Jetzt war Charlie erst richtig in Fahrt und sie erzählte mir noch davon, dass sie an diesem Abend wieder mit sich selbst als kleines Mädchen konfrontiert wurde und erst in den alten Gesichtern gesehen hat, was damals bei den Kindern alles nicht passte. Sie hat gesehen, was sie nicht ändern konnte, weil sie klein war und keinen Einfluss hatte.

Beim Sport haben sie mich nie in die Mannschaft gewählt, sagt sie, ich bin immer übrig geblieben und die Mannschaft, die mich dann nehmen musste, hat sich beim Lehrer beschwert. Wenn ich den Finger gehoben habe, weil ich etwas wusste, hat mich der Lehrer nicht aufgerufen, sondern immer zwei oder drei andere gefragt, die dann Quatsch erzählt haben, damit die ganze Klasse über sie lachen konnte. In den Pausen stand ich alleine herum und später hatten die dümmsten Gören die tollsten Verehrer. Angegeben haben sie und Gruppen gebildet in die ich nur passte, wenn ich mich selbst aufgegeben habe.

Ich sagte, ja Charlie, du hast recht, das will ich mir nicht antun. Mein Leben ist das, was ich selbst daraus gemacht habe. Und dann bestellten wir uns ein Glas Sekt und stießen auf die Zukunft an.

Warum…?

“Warum?”, sei eine dumme Frage wurde mir als Kind oft gesagt und dann mit der Gegenfrage geantwortet: “Warum ist die Banane krumm?”, was so viel bedeutet wie: “Das ist halt so. Punkt.”

Klar, dass ich im Laufe meines Lebens herausgefunden habe warum die Banane krumm ist. Da gibt es keine kleinen Kinder im Urwald, die diese Frucht krumm biegen, sondern die Bananenfrucht wächst seitlich aus der Staude heraus und um sich dem lebensnotwendigen Licht zuzuwenden, muss sie sich nach oben hin krümmen. Würde sie von vornherein allseits mit Licht beschienen, würde sie gerade wachsen. Man könnte also durchaus einzelne Stauden gleichmäßig rundherum mit künstlichem Licht bestrahlen und, um den Schönheitssinn einiger Konsumenten zu befriedigen, kerzengerade Bananen züchten. Es gibt also eine Antwort zur krummen Banane und es gibt sogar eine dazugehörige Lösung, sollte die Banane europakonform gezüchtet werden müssen.

Es gibt da aber auch noch andere Fragen in Europa, zum Beispiel die: Warum sind die schlechteren Abgas-Werte von einigen VW-Modellen ein Problem, während stinkende Oldtimer mit einem Sonderkennzeichen straffrei in den überfüllten Innenstädten herumfahren dürfen?

Oder eine weitere Frage: Warum fordern bei zunehmender Freiheit und Öffnung der Länder, einzelne Völker wieder ihre nationalistische Ordnung, während vor kurzem nationalistisch geordnete Völker noch nach Freiheit und Öffnung riefen?

Oder die Frage nach einem ausgeglichenem Verhältnis zwischen Staat und Religion: Warum werden in einigen Kulturen die religiösen Glaubensregeln über die Staatsgewalt gestellt, während woanders die Staatsgewaltigen die Religion gänzlich verbieten?

Um bei den Kulturen zu bleiben, ich frage mich auch: Warum dürfen Chinesen bei Tisch rülpsen und furzen, während dies bei uns zu den schlechten Manieren zählt?

Oder mal rechnerisch gefragt: Warum zählt in Ländern mit Polygamie die Geburt eines Sohnes mehr, wenn es später für jeden Sohn mehrere Frauen geben soll?

Ganz banal die Frage: Warum lassen Raucher die leere Zigarettenschachtel einfach auf den Boden fallen, während sie diese, mit nur einer einzigen Zigarette darin, vorher stundenlang mit sich herum tragen konnten?

Warum ist Untergewicht das Schönheitsideal bei Nahrungsmittelüberangebot, während bei Nahrungsmittelmangel das Übergewicht schön ist?

Warum sehnen sich so viele Singles nach einem festen Partner, während sich viele Paare am liebsten wieder trennen würden?

Meine beste Freundin Charlie erzählte mir neulich, dass sich der Lehrer ihres Jüngsten am Elternabend über die zunehmenden Wissenslücken seiner Schüler in der Klasse beschwerte, während sich ihr Sohn zu Hause beklagte, dass der Pauker auf sämtliche Fragen seiner Schüler mit: “Das solltest du inzwischen selber wissen!”, antwortet. Ja, warum…?

Aus Zeit wird Geld

Nein, ich sag das jetzt nicht. Ich sag nicht: Früher war alles besser. Denn das ist genau der Satz, mit dem die Grauhaarigen einer jeden Generation nur allzu gerne vorgeführt werden. Der Satz der beweisen soll, dass die mit vielen Jahren Gesegneten in ihrem Denken stehen geblieben sind und die Gegenwart sie überfordert.

Ich sage deswegen lediglich: Früher war es anders, vieles lief langsamer. Punkt.

Dass es anders war, fiel mir wie Schuppen von den Augen, als ich gestern einen Bericht über eine bayrische Automarke gesehen habe, einen Kinovorfilm von anno dazumal, als meine Eltern noch jung waren. Die langen beschaulichen Filmsequenzen und die ruhige, gemächliche Sprechweise des Moderators, der dem Zuschauer die Einzelheiten der Firmengeschichte erklärte, wirkten friedlich, fast einschläfernd. Das Auge konnte die damals noch wenigen Finessen des Produkts klar erkennen, darauf verweilen und ohne Anstrengung konnte das Ohr die notwendigen Erklärungen aufnehmen ins Gehirn transportieren und ohne Nachgrübeln in der richtigen Schublade ablegen. Schwarz weiß, ohne Schnörksel und ohne Hektik.

Heute sehen Berichte anders aus. Schnelle aufeinanderfolgende Szenenwechsel, schnelle Sprecher, Zoom hin, Zoom weg, krachbunte Teilstücke ohne jemals das Ganze zeigen zu wollen, weil es in seiner Komplexität in der Eile eh nicht erfasst werden soll und wenn es spannend wird trennt ein Werbeblock den Interessierten aus der Geschichte. Schlag auf Schlag werden die Verlockungen zum Konsum eingeblendet, bis man vergessen hat bei welcher Sendung man eigentlich gerade hängen geblieben ist. Es ist keine Zeit mehr, den Blick verweilen zu lassen, keine Zeit mehr sich auf eine einzige Sache zu konzentrieren. Zeit ist Geld geworden und jede Minute kostet.

In kurzer Zeit mehr anbieten zu können, bedeutet in kurzer Zeit mehr Geld zu verdienen. Bereits vor 200 Jahren prägte Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der USA, den Satz: Zeit ist Geld. Diese Erkenntnis hat bis heute vermutlich ihren Höhepunkt erreicht. Kurzlebiger sind die Moden, die Klamotten, die Filme, die Kindheit, die Jugend, die Ehen, die Jobs, die Tage, die Wochen, die politischen Absprachen, die Sommer, die Winter und das ganze Leben an sich. Und diese Feststellung ist nicht nur einem diffusen Gefühl meines Alters geschuldet, nein, der Beweis sind alte Filme und alte Berichte, die ihre Inhalte so zeitverschwenderisch präsentieren, dass es uns heute in Staunen versetzt.

Experimente mit Studenten haben gezeigt, dass die “Zeit-ist-Geld-Einstellung” dazu führt, den wirtschaftlichen Wert der Zeit immer mehr maximieren zu wollen. Der Vorteil einer Erfahrung, die eigentlich Spaß machen sollte, wird im Gegenzug ignoriert. Das heißt, ein Musikstück, ein Film, ein Spiel machen weniger Spaß, wird man dazu gezwungen, an das Geld zu denken, das man in der selben Zeit hätte verdienen können.

Meine beste Freundin Charlie fragte mich neulich erst, ob ich schon einmal an das viele Geld gedacht hätte, das ich verdienen hätte können, während ich an einem Blogbeitrag schreibe. Nein, ehrlich gesagt noch nicht, aber ich werde das nächste Mal ganz nebenbei darüber nachdenken, wenn ich einen alten Film aus den 50ern sehe, bevor ich aus lauter Entspannung einschlafe.

Ein bisschen Frieden…

Es war beim Eurovision Song Contest im Jahre 1982, als sich Nicole mit dem Lied von Ralph Siegel und Bernd Meinunger ruhig und gefasst auf einem Stuhl sitzend, nur von ihrer Gitarre und einer Harfe begleitet, in die Herzen der Zuschauer und der Jury sang. Als sie den Song Contest gewonnen hatte, sang sie ihr Lied noch einmal, für Europa, wobei sie inmitten ihres Gesangs mehrmals die Sprache wechselte. Sie sang Deutsch, Englisch, Französisch und Flämisch. Und noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich mir ihr Lied auf Youtube anhöre und die Begeisterung der Zuschauer spüre. Damals war Europa in Aufbruchsstimmung, Zusammenhalt und neue Horizonte waren gefragt, denn alles konnte nur besser werden.

Ich gebe zu, die letzten Jahre habe ich den Song Contest nicht mehr aktiv verfolgt. Ich bekomme nur noch mit was nicht zu überhören ist, zum Beispiel die Geschichte von dem Österreicher, der sich zwei Rippen exportieren ließ, damit er mit schmalerer Taille in Frauenkleidung Größe 34 passte. Es war ihm egal, ob man ihn für Frau Conchita oder für Herrn Wurst hielt. Das Lied habe ich nie richtig wahrgenommen, aber die schwarze Langhaarperücke über dem Bartgesicht entging auch mir nicht. Viele haben ihm zugejubelt, weil er der Geschlechtslosigkeit den Vorrang gab und damit punktuell den Zahn seiner Zeit getroffen hatte.

Kritiker des Song Contest behaupten, das musikalische Spektakel wäre sowieso nur eine politische Farce. Der Song Contest diene der Völkerverständigung, ist sozusagen eine Europameisterschaft für Nichtfußballer und Gewinner ist immer der, der Europa was zu sagen hat. So war das mit Nicole, dem Conchita und so ist es dieses Mal mit Jamala aus der Ukraine, die mit ihrem Lied die Geschichte ihrer Großeltern erzählt, die 1944 von der Insel Krim vertrieben wurden. Sozusagen ein direkter Hinweis auf das, was in Europa nicht in Ordnung ist. Von was hätten wohl die Griechen singen müssen, damit man sie nicht schon im Halbfinale rausgeschmissen hätte?

Inzwischen kann es so viele Lieder gar nicht geben, um zu beschreiben was in Europa alles schief läuft. Immer mehr Länder schotten sich ab und immer mehr Menschen johlen wieder nationalistische Parolen, auch in Deutschland. Parteien die keinen Hehl daraus machen, dass sie sich für die Reinhaltung ihres Volkes einsetzen wollen, bekommen zunehmend fragwürdige Zustimmung. “Wir für uns!”, als Kampfansage. Hatten wir das nicht schon einmal im Geschichtsunterricht?
Sollte in Österreich demnächst der rechte Flügel die Regierung übernehmen, steht das Programm schon fest: Ausländische Arbeitskräfte sollen nicht mehr über die Arbeitsämter vermittelt und zugleich aus der allgemeinen Sozialversicherung ausgeschlossen werden. Feindseligkeit gegen Muslime ist dort schon jetzt Grundton. Polizei, Justiz und Militär sollen mit harten Rechten durchsetzt werden und das Conchita muss sich warm anziehen, wenn es noch einmal als Österreicher sein Land vertreten möchte. Vielleicht gibt es auch dort bald nur noch eine Staatspresse, die mit relativer Berichterstattungsfreiheit aus der Regierung berichtet. Andere Länder machen uns bereits vor, wie mit der Pressefreiheit umgegangen werden muss, damit das Volk bei Stimmung bleibt.

Nationalistische Kleinstaaterei in einem Europa, das sich global öffnen wollte. “Tür zu, hier ziehts!”, schreit es aus den rechten Lagern, die sich auf den Weg machen ihre Staaten “sauber” zu halten: Keine Fremden, kein europäischer Zusammenhalt, kein Schmutz auf heimischen Boden. Jetzt heißt es die Gewinne aus den fetten Zeiten des europäischen Miteinanders national zu verteidigen.

Vielleicht sollte ich den europäischen Song Contest künftig doch wieder aktiv verfolgen, nur um zu wissen, welcher Tenor in Europa künftig angeschlagen wird.

Was, wenn die Welt in Ordnung ist?

Ich werde oft gefragt, warum ich so gerne Kaffeetrinken gehe. Nun, die Antwort ist ganz leicht: Ich genieße die Pause, in der die Welt in Ordnung ist!

Jedenfalls für mich in Ordnung ist. Der anheimelnde Kaffeeduft überall um mich herum, entspannte Gesichter an allen Tischen, der erste Schluck aus der dicken Tasse (ich trinke meinen Kaffee übrigens süß und mit Milch) und wenn ich Glück habe, kann ich dabei sogar im Freien sitzen und mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und genau in diesem Augenblick ist die Welt in Ordnung!

In diesen paar Minuten ist mir der Schmutz in den Ecken egal, ich denke nicht an meine Arbeit, es ist mir egal, wer und warum was zu wem gesagt hat, ich habe keine Flüchtlingsprobleme, keine Angst vor Altersarmut, keinen Pflegenotstand, keine Angst vor fremden Religionen, vor einem leeren Konto, vor Vogelgrippe, vor Kernkraftwerken und Erdbeben. Kurzum, ich habe keine “German Angst”.

Die “German Angst” scheint so typisch für uns Deutsche zu sein, dass sie sogar im Lexikon Erwähnung findet. Wir Deutschen leiden wie kein anderes Volk an uns selbst und an der Welt um uns herum. Diffuse Ängste zerstören uns den Glauben in unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Wir sorgen uns einfach um alles. Wir sorgen uns um unsere Gesundheit, um unsere Fitness und unser Einkommen im Alter, um die Innenpolitik, die Außenpolitik, um die Wirtschaft und unseren Arbeitsplatz. Wir sorgen uns um die Ursprünglichkeit unseres Essens, die Ökologie unserer Kleidung, die Reinheit unserer Atemluft, wir sorgen uns um unsere Kinder, unsere Alten, unsere Haustiere und wir sorgen uns vor allem darum, den Frieden in der Welt nicht sichern zu können, denn wenn der nicht gesichert ist, dann kommen alle Menschen zu uns und wenn sie erst einmal hier sind, sorgen sie sich, genau wie wir selbst, um die gleichen Dinge. Und irgendwann leidet die ganze Welt an der “German Angst”.

Und deswegen also, sitze ich gerne in und vor Kaffeehäusern herum, weil mir dort niemand den Eindruck vermittelt, die Welt wäre in Unordnung und man müsste sich ständig um seine Gegenwart und um seine Zukunft sorgen. Aus aller Herren Länder kommen die Menschen hierher, sie sprechen verschiedene Sprachen und sie haben unterschiedliche Hautfarben. Manche sind religiös, andere schwören auf den Humanismus, einige trinken ihren Kaffee schwarz und andere lieber mit Milch, mit Zucker oder mit Milch und Zucker, manche sprechen laut und andere leise, deutsch oder englisch, französisch, arabisch oder deutsch ohne Grammatik. Und wenn ich in der Sonne die Augen schließe hört es sich an, als flöge ein riesiger schnatternder Gänseschwarm über mich hinweg. Dann wünsche ich mir viel mehr Kaffeehäuser und viel mehr öffentlichen Raum, um Gemeinschaft zu fühlen und um die diffusen Ängste abzubauen, die Ängste voreinander und vor allem die selbstvergiftende typische “German Angst”.

Meine beste Freundin Charlie sagt, das Problem wäre, dass man sich an alles gewöhnt. Sie hätte sich sogar schon an ihre Altersflecken gewöhnt, jetzt findet sie die gar nicht mehr so dramatisch wie noch vor einem Jahr. Sie meint, an den dauernden Weltschmerz hätte sie sich auch schon gewöhnt und ihr würde direkt etwas abgehen, wenn das anders wäre. Aber sie stimmt mir zu, dass man sich auch gerne mal eine Auszeit aus der Angst nehmen darf.

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Hinter dieser Überschrift verbirgt sich ein altes Kinderspiel, das bei langen Auto- oder Zugfahrten den Kindern die Zeit verkürzt. Einer sagt: “Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist rot!” Und dann müssen die Mitspieler alles benennen, was in ihrem Umfeld rot ist, solange, bis der richtige Gegenstand erkannt wird. Der Sieger darf dann die nächste Suche starten und sich zum Beispiel was Grünes aussuchen.

In Zeiten mehrerer europäischer Staatspleiten würde ich das Spiel gerne übertragen und zwar auf Leute, die nicht in Deutschland leben. Der Raum in dem gesucht wird, wäre dann das deutsche Finanzamt und alle müssten raten, warum Herr Schäuble so viel Geld hat, dass er trotz Schuldentilgung eine schwarze Null in seinen Haushalt schreiben kann. Es müsste dann geraten werden, woher die schwarze Null kommt und warum Deutschland so reich ist.

“Ich sehe was, was du nicht siehst und das fängt mit ‘B’ an.” Das könnte die Baulandsteuer, die Beförderungssteuer, die Biersteuer oder die Branntweinsteuer sein. Das ist noch relativ gut zu erraten, wenn es dagegen mit ‘S’ anfängt, wird das Raten schon schwieriger, denn das könnte die Salz-, die Schankerlaubnis-, die Schaumwein-, die Schenkungs-, die Speiseeis-, die Spielbank-, die Spielkarten-, die Strom- und die Süßstoffsteuer sein oder der Solidaritätszuschlag, der früher mal ein Stabilitätszuschlag war, Lohnabschläge, die auf ihre Weise auch zu den Steuereinnahmen gehören. Insgesamt gibt es in Deutschland über sechzig Steuerarten. Die Mehrwertsteuer, die auf jede Arbeitsleistung und jeden Konsumartikel noch obendrauf geschlagen wird, gar nicht mitgerechnet.

“Ich sehe was, was du nicht siehst und das fängt mit “A” an”, das wären dann die Abzüge vom Lohn, die jeder Arbeitnehmer ungefragt zum Solidartopf beisteuern muss. Das sind in Deutschland die Lohnsteuer, der Solidaritätszuschlag, die Kirchensteuer, die Krankenversicherung, die Rentenversicherung, die Pflegeversicherung und die Arbeitslosenversicherung. Das kann einem gutverdienenden Single schon mal die Hälfte seines Einkommens kosten. Und nicht zu vergessen obendrauf die Arbeitgeberanteile, die ebenfalls in den Solidarkassen des Staates landen.

Und weil in Deutschland die Finanzämter im unteren Bereich so untadelig arbeiten, fließen sämtliche Abgaben der ehrlichen Steuerzahler in den Haushalt des Finanzministers, wo sie dann auf ihre Umverteilung zugunsten unseres Rechtsstaats warten.

Zugegeben, verschiedene Abgaben landen nicht im Steuersäckel des Finanzministers, sondern bei sogenannten halbstaatlichen Organisationen, wie zum Beispiel bei den Krankenkassen. Und wo Herr Schäuble seine Hand nicht direkt drauf hat, ist nicht geradlinig ersichtlich, warum trotz monatlicher Höchstbeiträge der eigene Krankheitsfall nur noch teilabgesichert ist. Gebäude und Verwaltung verschlingen die Beiträge an die Kassen sagen die einen, überhöhte Arztrechnungen und überteuerte Pillen sagen die anderen. Nur so viel ist sicher: Gesundwerden hängt nicht von der Höhe der Beiträge an die Krankenkassen ab!

Meine beste Freundin Charlie sagt, erst wenn es ein einziges Mega-Europa-Finanzamt gibt, wo jeder Europäer seine sechzig Steuerarten einzahlen muss und Herr Schäuble der Mega- Euro-Finanzminister ist, erst dann könnten alle Europäer sehen, wie viele Steuern es braucht, um eine schwarze Null zu schreiben.

Die Probleme der Superreichen

Sind wir doch einmal ehrlich: Die meisten Probleme auf dieser Welt hat man mit der Kohle, dem Zaster, dem Schotter, dem Geld, weil es Probleme macht wo es fehlt und weil es Probleme macht wo es zu viel ist. Sicher, die Probleme sind ganz unterschiedlich, aber Probleme sind eben Probleme.

So wie die einen nicht wissen woher sie das Geld nehmen sollen, so wissen die anderen inzwischen nicht mehr, wo sie es ausgeben können und schon gar nicht wissen sie, wo es sicher angelegt ist.

Aber wie ist das eigentlich, wenn man so viel Geld hat, dass man nicht mehr weiß, wohin damit?

Einer Dokumentation zufolge investieren die meisten Superreichen in Immobilien, die sie dann aber weder vermieten, noch selbst nutzen. Es geht ausschließlich darum diese Immobilien zu besitzen. Da werden Schlösser inmitten der romantischsten Landstriche gebaut mit privaten Tennisplätzen und Golfplätzen außen herum. Tausendachthundert Quadratmeter Wohnfläche und Achthundert Quadratmeter Keller mit Snookertisch, Schwimmbad, Partymeile und Fitnesslandschaft, Heimkino und hauseigener Bowlingbahn. Jeder der dort wohnen würde, bräuchte sein ganzes Leben lang nicht mehr irgend woanders hingehen oder hinfahren, weil sich alles was der Mensch begehrt in seiner Reichweite befindet.

In London werden riesige Stadthäuser entkernt, um aus mehreren Wohnungen eine einzige zu machen. Sechzigmillionen englische Pfund lassen sich auf diese Weise gut und sicher anlegen und für hundertvierzigtausend englische Pfund wöchentlich könnte man das Appartement sogar für einen wohlverdienten Urlaub mieten, Frühstück und Personal nicht inbegriffen.

Allerdings hätte der Vermieter dann wieder ein Problem. Das größte Problem der Superreichen ist nämlich das Steuerproblem. Denn was macht jemand, der wöchentlich so nebenbei hundertvierzigtausend englische Pfund verdient und nicht möchte, dass mit einem Teil dieses sauerverdienten Geldes die Infrastruktur und die Sicherheit des Landes mitfinanziert wird? Am besten er ändert zuallererst seinen Hauptwohnsitz und zieht in ein Land mit gemäßigteren Steuersätzen. Und wenn er nach dem Kauf seiner Traumimmobilie, seines Privatjets, seiner Luxusyacht und seinem Fuhrpark immer noch Geld übrig hat, lässt er sich vom Berater seines Vertrauens ein Steuersparmodell anbieten, das seine Einnahmen über sieben oder mehr Ecken hinweg für immer unsichtbar macht.

Meine beste Freundin Charlie sagt, das wirkliche Problem der Superreichen ist, dass sie nicht alles haben können, was ihr Herz begehrt. Zum Beispiel wollten vor drei Jahren Kundinnen in China, am Persischen Golf und in den USA um Ostern herum alle dieselbe Handtasche kaufen, nämlich die Luggage-Bag von Céline und es gab in ganz Deutschland nur noch eine einzige Tasche, was für ein Unglück für all die Superreichen, die keine Handtasche mehr bekommen hätten, sagt sie. Zu Weihnachten war die Luggage-Bag von Céline schon wieder uninteressant, dafür die Birkin Bag von Hermès überall im Gespräch. Da hieß es rechtzeitig zu bestellen, denn die Wartezeit auf diese bis zu zwanzigtausend Euro teure Tasche konnte bis zu neun Monaten dauern. So schwierig zu bekommen wie ein Baby, meint sie. Da nützt es auch niemandem, wenn er viel Geld hätte.

Ich habe einen Stoffbeutel, den meine Kinder im Kindergarten bemalt haben. Er ist so einzigartig, dass ich ihn nicht für eine Million hergeben möchte. Obwohl – man könnte durchaus mit mir darüber reden…