Diktat

Ich seh die See und denke: Hätte der Wal die Wahl, wünschte er sich vielleicht noch mehr Meer.

Gut, soweit! Nachfolgendes Diktat ist für Gelangweilte und Viertklässler.

Wer nach Fehlern sucht, kann seine Sucht im Internet dauerhaft befriedigen. Der Lehrer lehrt natürlich in der Schule an der Tafel und der Müllmann leert die Tonnen vor dem Haus. Im Staat wohnen viele Menschen mit Wonne in einer Stadt, statt dauerhaft auf dem Land. Hinter dem Deich liegt ein Teich. Auch weise, weiße alte Männer haben oft ein Fussel in ihrem Fusel. Die Blasse hat die Blase voll und in der Wiese will sie wissen, ob sie dort Wasser lassen kann.

Soll man im Bett beten oder sich ins Beet betten? Weg mit dem Wecker am Morgen, ab morgen wollen wir uns auf den Weg machen. Das Wasser in die Vasen füllen und wenn du etwas hast und er etwas hasst, dann ist das nicht das Gleiche. Ihre Namen nahmen viele Ehefrauen bei der Hochzeit einfach mit. Wer möchte schon gerne gute Beeren entbehren? In der Wohnungsmitte liegt die Überweisung für die Wohnungsmiete.

Der Müller in der Mühle mahlt und der Maler malt auch, doch nur das Mittagsmahl nahmen sie mal gemeinsam ein, auf einem Boot, das viel Platz bot.

Wer zu zweit Laub recht, muss gerecht die Arbeit teilen, sonst rächt sich der Übervorteilte. Allerdings: Der Lerche auf der Lärche ist das egal, sie trällert ihre Lieder, bis sich unsere Lider zum Schlafen schließen.
Denen, die sich dehnen, werden die Sehnen nicht kürzer. Der Rat, aufs Rad zu steigen, fiel bei vielen auf unfruchtbaren Boden.

Mein armer Arm ist vom Tippen ganz warm und meine Seele sehnt sich nach einer Pause mit einer Brause.

Vater-Mutter-Kind

Neulich war ich wieder einmal bei meiner besten Freundin Charlie zu Besuch. Sie hatte zum Geburtstag ihrer Tochter ein paar Gastkinder geladen und war gerade dabei Kakao und Kuchen vorzubereiten. Ob ich ihr helfen wolle, fragte sie mich, weil sie die Kleinen im Wohnzimmer nicht alleine lassen wollte. Gute Idee, fand ich, weil ich schon lange nicht mehr die Gelegenheit hatte mit kleinen Kindern zu spielen. Sie waren gerade dabei sich irgendwie zu organisieren und sich ein Spiel auszudenken.

Ich erinnerte mich, dass wir Mädchen in meiner frühen Kindheit, ich glaube es war im Vorschulalter, in solch kleinen Gruppen gerne „Vater-Mutter-Kind“ gespielt hatten. In der kleinsten Gruppe, nämlich gerade mal zwei Personen, war das am einfachsten, weil wir uns schneller über die Rollenverteilung klar wurden und sogar noch während des Spiels einfach die Rollen wieder tauschen konnten. War ja auch ziemlich unkompliziert so ein sozialer Gendertausch, ohne sich umzuziehen, ohne sonstige Veränderungen und ganz ohne neu geboren werden zu müssen. Jeder konnte mal Vater oder Mutter sein, ganz nach Belieben, das war nur eine Sache der gegenseitigen Absprache. Hätten wir damals schon gewusst, dass auch zwei Mütter erlaubt sind, wäre das sogar noch einfacher gewesen.

Dann brauchte man nur noch eine Puppe und schon konnte es losgehen.

Das wichtigste beim „Vater-Mutter-Kind-Spiel“, und immer an erster Stelle, stand der Wohnungsbau. Sämtliche Tücher, Kissen, Tisch- oder Wolldecken und sonstiges Zeug trugen wir zusammen und bauten entweder unter dem Tisch oder in irgendeiner versteckten Zimmerecke ein Lager. Wobei die Zimmerecke das schwierigere Unterfangen war. Eine Wolldecke über zwei Stuhllehnen gespannt, die das Dach über dem Kopf sein sollte, war die Schwachstelle unserer Baukunst. Die Stühle gaben ständig nach und wir mussten uns ordentlich ins Zeug legen, um diese Lösung zu stabilisieren. Meistens halfen große Bücherstapel auf der Sitzfläche der Stühle. In die fertige Höhle nahmen wir das ganze Zeugs aus den Kinderbetten mit, ein paar Puppenkleider, ein bisschen Puppengeschirr und breiteten alles gemütlich auf dem Boden aus.

Und dann sagten wir so Sätze wie: „Ich soll jetzt gerade zu Hause sein“, „Du sollst dann kommen und fragen ‚wo ist unser Kind?‘ und ich muss dann rausgehen und suchen“, „Dann musst du sagen, ich muss jetzt in die Arbeit gehen.“ Ich erinnere mich, dass ich einmal so ein Vater gewesen war, der in die Arbeit gehen musste. Ich erinnere mich auch, dass ich nicht wusste, was ich außerhalb der Höhle in einer Arbeit machen sollte. So wartete ich einfach draußen bis ich wieder in meine Höhle zurück durfte, ganz wie ein Arbeitsloser der Zuhause nicht zugeben möchte, dass er längst gekündigt wurde. Währenddessen die Mutter in der Höhle die Puppe mehrmals an- und wieder auszog und vor sich hin plauderte: „Jetzt hast du schon wieder alles vollgepieselt“, „Du sollst doch was essen!“ und „Warte nur, bis der Papa kommt!“. Dann packte sie die Puppe in Kissen ein, wo sie schlafen musste. Irgendwann ragte der Kopf der Mutter unter der Decke hervor und sie sagte: „Der Vater sollte jetzt wieder nach Hause kommen“.

Und weil die Decken immer wieder verrutschten und die Höhle ständig durcheinander geriet, war das Spannendste an diesem ganzen „Vater-Mutter-Kind-Spiel“ eigentlich der Höhlenbau. Wir hatten ständig mit unserer Immobilie zu tun. Kissen hierhin, Kissen dorthin, Decke weiter runterziehen, spannen, hoppla rutscht, wieder festmachen, Stuhl kippt, noch mehr Bücher auf die Sitzfläche legen, das soll jetzt die Türe sein und da kann man schlafen. Das ganze Spiel dauerte so in etwa zwei bis drei Stunden und wenn die Höhle endlich fertig war, das heißt, wenn sämtliche bewegliche Inventarien des Haushalts in der Höhle gestapelt waren, mussten die Gastkinder meistens nach Hause. Jedes Mal tönte es dann im Chor: „Ah nein! Wir wollten gerade mit Spielen anfangen!“

Ja, so war das damals und Charlie erzählte mir, dass sie, wenn sie mehrere Kinder in diesem Spiel waren, auch ganz gerne mal den Haushund gespielt hatte, denn da brauchte sie nur faul herumliegen und hin und wieder einen Keks essen.

Was soll ich sagen, die Kinder bei Charlie fingen an KiTa zu spielen. Sie suchten sich viele Stühle zusammen, machten einen Stuhlkreis und dann wollten alle die Erzieherin sein. Und weil es nur eine Erzieherin gab, gab es viele Kinder die nicht mitspielen wollten. Einen Hund gab es nicht, weil der in der KiTa verboten ist.

Yoga

Es war ein kalter Wintertag und ich hatte gerade nichts weiter vor, als mich meine Freundin Charlie fragte, ob ich sie auf die Yoga-Messe begleiten würde.

In der Tat! Erst neulich hatte ich daran gedacht, dass ich etwas mehr für meine Fitness und für meine Beweglichkeit tun sollte und dabei war ich bereits ganz selbstständig auf das Thema Yoga gestoßen, deswegen sagte ich sofort zu. Yoga und Meditation und Yoga und Ayurveda. Yoga für Anfänger und Yoga für Fortgeschrittene und Yoga für Yoga-Lehrer.

Der erste Stopp war der Mitmachraum. Familienyoga, genau das Richtige für mich, weil immerhin bin ich Teil einer Familie und vielleicht wäre das deswegen auch so ein bisschen was Gemäßigtes, etwas, wo auch die Omis mitmachen können.

Schuhe aus, Jacke aus, bequeme Hosen und dicke Wohlfühlsocken, bei mir war alles im grünen Bereich. Die Yogalehrerin begrüßte uns ganz herzlich mit einem bezaubernden Akzent aus der schönen Steiermark in Österreich. Schlanke 185cm biegsames Rohr, mit einem Band um die Stirn und einem Pferdeschwanz bis zum Po, ärmelloses Top und in weicher langer Schlapperhose, stand sie vor uns und erklärte, wie Kinder gerne Yoga machen. Dabei ließ sie ihre filigranen langen Finger verschiedene Figuren nachzeichnen und wenn sie beide Hände aneinander legte, bogen sich die Finger im selben Grad nach außen, wie sich meine nur noch nach innen knicken können. Wir spielten alles nach, grüßten die Sonne, liefen umher und pusteten uns gegenseitig die Sonnenstrahlen zu, machten den Berg, den Baum, die Giraffe und was sonst noch so alles auf ihren Kärtchen zu sehen war und zum Schluss gab es dann noch die gleichen Posen, nur für Erwachsene.

Ehrlich gesagt, hatte ich mich etwas gelenkiger in Erinnerung, aber schon beim Hinsetzen zum typischen Yoga-Schneidersitz, sah man deutlich, dass ich ein blutiger Anfänger war. Meine Knie sollten auf die Matte, während meine Fersen im Schritt ruhten, eine mir unmögliche Position, in der man aber, wenn man’s kann, zur Ruhe kommt. Dann eine Reihe von Bewegungsabläufen, die unsere biegsame Lehrerin einfachheitshalber nach Nummern sortierte, um dann die Nummern in mal schnellerer und mal langsamerer Abfolge aufzusagen. Manchmal wiederholte sie zwei aufeinanderfolgende Nummern im Wechsel, doppelt, dreifach, bevor es mit der nächsten Nummer weiterging. Ich hatte ständig damit zu tun, bei meinen Nachbar-Yogis abzuschauen, weil ich mir wieder einmal nicht die Figur zur Nummer merken konnte. Entsprechend war ich ständig im Verzug. Machte die Vier, wenn es bereits Fünf hieß und machte die Sieben bei der Acht. Egal, dabei sein ist alles, tröstete ich mich, und wichtig war ja, einmal in die Yoga-Welt hineinschnuppern zu dürfen.

Meine Freundin Charlie war überraschend gut aufgeklärt, aber mir hatte niemand gesagt, dass ich im Vorfeld schon mal das kleine Indisch für Anfänger hätte lernen sollen. Yoga Vidya, Hatha Yoga, Kundulani Yoga, und so weiter und alles für die Gesundheit und zum Mobilisieren der Selbstheilungskräfte.

Dann schlenderten wir noch ein wenig durch die Messestände, tranken einen Kaffee (obwohl es einen indischen Sivanada-Ashram-Tee aus Rishikesh gegeben hätte), ließen uns von einem Vitalymedflexi Shiatsu Massagegerät unsere steifen Nacken weichmassieren, staunten über die selbstgemachten Lebensmittel, die kosmisch, biologisch und dynamisch unser Leben beeinflussen könnten und zum Schluss ließen wir uns noch den großen Reisekatalog mitgeben, der jede Menge inhaltsreiche Seminare rund um das Thema Yoga anbietet. Räkel-Yoga oder Schamanisches Frühlingserwachen in Südindien, beim Meister persönlich. Wer kann da schon Nein sagen?